Selbstgespräche

Der Monolog ist die klassische Form der Selbstverständigung, er hilft beim Austragen von inneren Konflikten und zwingt den Sprechenden zu einer Reise ins Ich. Aber mit wem sprechen wir, wenn wir mit uns selbst reden? Ist Ich wirklich ein Anderer, wie Rimbaud behauptet? Und was bedeutet in die- sem Zusammenhang dann Sartres Satz »Die Hölle, das sind die Anderen«? Ist jedes Ich sich selbst Himmel und Hölle zugleich? Gehen wir also in uns – und hoffen wir, dass wir dort jemanden treffen ...


Oskar und die Dame in Rosa

von Eric-Emmanuel Schmitt

Den Anfang der neuen Reihe SELBSTGESPRÄCHE machte Christel Ortmann mit »Oskar und die Dame in Rosa« von Eric-Emmanuel Schmitt.
Oskar hat Leukämie und wird bald sterben, obwohl er noch viel zu jung dafür ist. Aber keiner will es ihm sagen, Doktor Düsseldorf nicht und auch nicht seine Eltern. Nur Oma Rosa ist anders, aber das muss sie ja, so als ehemalige Weltmeisterin im Frauencatchen. Oma Rosa kann fluchen wie ein Rohrspatz, ist ehrlich bis zur Unverschämtheit und erzählt Geschichten, dass sich die Balken biegen – kurz, sie ist die beste Dame in Rosa des gesamten Krankenhauses. Und als sie Oskar erzählt, dass Gott jeden Tag einen Wunsch erfüllen kann, fängt er an, ihm Briefe zu schreiben, obwohl er gar nicht an ihn glaubt. (Den Weihnachtsmann gibt es ja schließlich auch nicht!)

Eine rührende, unpathetische Geschichte über eine generationenübergreifende Freundschaft und einen kleinen Jungen, der in zwölf Tagen ein ganzes Leben durchläuft. Erzählt, gelesen und gespielt von Christel Ortmann. [Premiere am 20. September 2013]
weitere Termine: 13.05.2014 um 11.30 Uhr & 28.06.2014 um 20 Uhr


Rum und Wodka

von Conor McPherson

Der Titel hält, was er verspricht: in diesem Stück wird getrunken, viel getrunken, zu viel getrunken.

Ein Mann, eine Bar, eine Geschichte. Der namenlose Erzähler mittleren Alters verzweifelt an seinem scheinbar normalen und geregelten Leben – als Familienvater fühlt er sich überfordert, sein Job langweilt ihn. Und so hat er vor drei Tagen einfach alles hingeschmissen und sein Leben seitdem im Rausch verbracht, in den nächtlichen Straßen, Bars und Kneipen der irischen Hauptstadt Dublin. Doch auch der Ausbruch aus dem bürgerlichen Leben, hinein in den Exzess aus Alkohol und Sex, kann ihn nicht retten vor der Verantwortung für das eigene Leben.

Conor McPhersons Figuren trifft man häufig am Tresen an – und deshalb findet der zweite Teil der Monolog-Reihe »Selbstgespräche« genau dort statt, wo er hingehört: in einer Kneipe. Im KIEZ Café in Dessau wird »Rum und Wodka« von Sebastian Müller-Stahl erzählt und gespielt (und mit Sicherheit auch getrunken).

Mit: Sebastian Müller-Stahl // Szenische Einrichtung: André Bücker

Eine Kooperation des Anhaltischen Theaters mit dem Kiez Café Dessau.
[Premiere am 2. November 2013 im KIEZ Café]

Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei.



PRESSESTIMMEN

"Selbstgespräche" beginnen mit "Oskar und die Dame in Rosa", Mitteldeutsche Zeitung, 24.09.2013

BIS MORGEN, KÜSSCHEN

von Thomas Altmann

Ein Akkordeon pustet das verwelkte Bouquet eines längst getrunkenen, preiswerten Rotweins in die Endlosschleife, während Oma Rosa Kisten auf die Bühne schafft, als schleppe sie ihr Leben vom Dachboden. In einer Schachtel stecken Oskars Briefe an den lieben Gott.

"Rosa Prosa", "emotionale Antatscherei"? Die Kritik hat Eric-Emmanuel Schmitts längst auf die Bühne gehobene, längst verfilmte Erzählung "Oskar und die Dame in Rosa" gründlich verrissen, aber den Bestseller zuweilen auch hoch gelobt. Mit der Inszenierung dieses Stückes (Regie: David Ortmann, Dramaturgie: Sabeth Braun) begann im Alten Theater Dessau ein neues Format namens "Selbstgespräche". Verhandelt wird künftig der "Monolog als klassische Form der Selbstverständigung" und Selbstbefragung mit dem ermutigenden Appell: "Gehen wir also in uns - und hoffen, dass wir dort jemanden treffen". Oma Rosa (Christel Ortmann) trifft ihre Erinnerungen an Oskar.

Oskar ist zehn Jahre alt und hat nur noch wenige Tage zu leben. Die Wahrheit wird verschoben. Die Eltern sind maßlos überfordert. Der Arzt findet keine Worte für die Ohnmacht. Nur Oma Rosa hat den Mut zur Offenheit. Sie rät Oskar, Briefe an den lieben Gott zu schreiben und die Zeit auszuklinken, so zu tun, als dauere jeder Tag zehn Jahre.

Die Wahrheit wird Oskar zwischen Tür und Angel bescheinigt. Seine Ehe mit Peggy Blue dauert irgendwie zwischen Tag und Tag. Einige Tage später ist er über 100 Jahre alt und stirbt.

Schmitts Text ist ein Plädoyer gegen Verdrängung, für Dankbarkeit über die ausdrückliche Leihgabe Leben, für die Intensität von Beziehungen und für eine erfüllte Zeit in Absehung ihrer Länge. Warum dann Kritik? Schmitt bezieht sich etwa ausdrücklich auf Dostojewski. Iwan Karamasow will angesichts des Leidens von Kindern seine Eintrittskarte in die höhere Harmonie zurückgeben. Oskar verhandelt die Frage nach der Theodizee, nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens bündig: "Entweder er (Gott) ist böse. Oder er ist eine Flasche." Schmitt projiziert so erwachsene Gedanken und Fragen auf eine Kinderbuch-Sprache, die man erfrischend, oder, betrogen um die Bitterkeit, "rosa" nennen mag.

Auf die Bühne! Es beginnt mit dem Blick auf eine Hinterbliebene, auf eine Frau, die kein Rosa aufträgt. Christel Ortmann schleppt Kisten und Erinnerungen. Wie der große Müll sie atemlos macht, machen sie Gedanken an Oskar liebevoll. Sie vermittelt etwas von diesen großartigen Menschen, die am Bett sitzend zuhören können, ohne sich in Antworten flüchten zu müssen. Sie schafft, was sich scheinbar ausschließt.

Sie spricht voll gewinnender Aufmerksamkeit. Und wenn sie doch mal zur Märchentante wird, glaubt man ihr, einer stark wirtschaftenden Haushälterin der Sentimentalität.

Die Bühne verzichtet durch die Rahmenhandlung auf klinische Sterilität. Der kurze "Briefroman" erfährt deutliche Kürzungen. Die Vorgabe des Monologs wird unterwandert. Denn Oskar meldet sich zu Wort. Carl von Wolffersdorff leiht dem sterbenden Kind eine frische Kinderstimme, die per Kassettenrekorder eingespielt wird und alle oben genannten Bedenken in unverstellter Art auszuhebeln scheint. Die Rahmenhandlung und der Kunstgriff, das Thema protokollierend aus der Distanz zu spielen, scheinen eine Lücke zu schließen, Trauerphasen, die der Text überspringt.

Wie sonst könnte man, dem augenzwinkernden, engelhaften Bengeljargon Schmitts misstrauend, doch mit einem rührseligen Lächeln auf den Lippen quittieren, dass Oskar gerade gestorben ist?

Schauspieler Müller-Stahl überzeugt das Publikum, Mitteldeutsche Zeitung, 4.11.2019

VON THOMAS ALTMANN
Sebastian Müller-Stahl glänzte am Sonnabend mit dem Monolog „Rum und Wodka“ von Conor McPherson im Dessauer Kiez-Café. Es handelte sich bereits um die zweite Folge der „Selbstgespräche“, die vor wenigen Wochen mit „Oskar und die Dame in Rosa“ begannen.

Eigentlich willst du nur einen Schluck trinken, gehst in die Kneipe. In der Ecke sitzt ein Typ, säuft, raucht, siedet. Er rammt sich den hämmernden Rhythmus der drögen Musik durch die besoffenen Schenkel, wankt auf dich zu, schlaucht eine Kippe und erzählt dir sein Leben. Der Abend ist gelaufen, so defekt, wie dieses sinnlos vorverdaute Dasein.
Literarische Schleifspuren
„Rum und Wodka“ und reichlich Bier und Whisky: Conor McPhersons Monolog einer verpassten, versoffenen Adoleszenz war am Sonnabend im rappelvollen Dessauer Kiez-Café nicht zu überhören. Als Chefsache in Szene gesetzt von André Bücker soff Sebastian Müller-Stahl in Folge Zwei der „Selbstgespräche“, die vor wenigen Wochen mit „Oskar und die Dame in Rosa“ begannen. Dieses intensive, konzentrierte und endlich auch im Spielplan des Anhaltischen Theaters platzierte Genre begann mit zwei (des ersten wegen in Anführungszeichen) „Monologen“, die in ihren Texten lediglich literarische Schleifspuren führen. Und dennoch: Gut gelaufen, weil Christel Ortmann überzeugend mit der Sentimentalität wirtschaftete, weil Sebastian Müller-Stahl nun einen wahren Scheißkerl in die Kneipe setzt, und, weil sich in der gekräuselten Feuchte des Erbrochenen doch die Gesellschaft spiegelt.
Es spielt, wo die große Literatur wohnte, in Dublin. Der namenlose, das müsste man anders sagen, Held ist 24 Jahre alt. Vor vier Jahren traf er ein Mädchen, auf einer Party. Sie kümmerte sich um ihn, „während ich in ihren Schuh kotzte“. Sie wird schwanger. Heirat, ein biederer Bürojob, ein zweites Kind, eine Hypothek, ein Reihenhäuschen. Er arbeitet, säuft, schläft, auch mit seiner Frau, nennt es nur anders, und manchmal, diesmal ist es das richtige Wort, spielt er mit den Kindern, spielt Vater.
Als er eines Tages betrunken aus der Mittagspause kommend zur Rede gestellt wird, passiert es. Er wirft seinen Computer aus dem Fenster. Nun säuft er ein Wochenende durch, trifft eine Frau aus besseren Kreisen, schlägt sich und sitzt wieder vor dem Bett der Kinder. „Wenn du in der Scheiße steckst, empfindest du all die selbstgerechte Empörung des unschuldigen Opfers.“ Solche Gedankenschläge bleiben selten. Das Wochenende läuft als Tatsachenbericht eines versoffenen, kotzenden Egomanen. „Ok. Ich bin nun mal ein verblödeter Arsch.“
Kein Ästhet des Alkohols
McPherson stilisiert seinen Helden keineswegs zum Ästheten des Alkohols. Was bleibt? Nur ein endloses Erbrechen auf der literarischen Ebene eines Kneipenpissoires? Ja, und dennoch spiegelt sich die Gesellschaft im Abort, eine Gesellschaft, die sich so gibt, als seien große Ziele permanent verfügbar, eine Gesellschaft, die, indem sie Freiheit und Glück sagt, Abhängigkeit und Sucht erzeugt.
Klar hat der Säufer zu früh die Hypotheken des Erwachsenwerdens aufgenommen. „Das war’s“, sagt dieser Kerl im Angesicht dreier Menschen, als spielten sie keine Rolle. Fragte man ihn, was er mehr wolle, schlüge einem der abgestandene Atem einer leeren Flasche entgegen. Komasaufen als Gesellschaftsspiel! Geschlechtsverkehr, Marke setzen, Beinchen heben! Mehr! Weiter! Die Übertragung marktwirtschaftlicher Prinzipien auf das Leben fordert Tribut. Aufhören, aufmerken, sich zufrieden geben? Dann würde der Markt kollabieren. So kollabiert das Leben.
Schauspiel in der Stadt
Für diese kleinen Inszenierungen jenseits der Gala, am Fuße der Leuchttürme in verkarsteter Landschaft brauchen wir das Schauspiel. Bravo für diese unaufgeregt erschlagende Inszenierung einer hohlen Hyperventilation. Bravo dafür, dass das Schauspiel mit diesem Stück einmal mehr in die Stadt geht. Und Bravo für Sebastian Müller-Stahl. Wie er diesen Scheißkerl sehnig serviert, wie er ihn selbsttrunken durch alle Bierlachen zieht, wie er sich an der verschanzten Leere verletzt, wie er beißt und zielsicher ins Nichts tritt! Schade: Der Monolog ist gelaufen. Zweimal und vorbei. Vielleicht, weil wirklich Wodka, Whisky, Rum im Glas waren. C’est la vie. Prost!
Postskriptum: Eigentlich ist Schluss. Müller-Stahl setzt sich zu einem älteren Paar auf die Lehne eines Sofas, fragt in versoffener Vertrautheit: „Hab ich ihnen schon erzählt, was ich in den letzten drei…“ Sie schweigen. Hau ab!

"Selbstgespräche" beginnen mit "Oskar und die Dame in Rosa", Mitteldeutsche Zeitung, 24.09.2013

BIS MORGEN, KÜSSCHEN

von Thomas Altmann

Ein Akkordeon pustet das verwelkte Bouquet eines längst getrunkenen, preiswerten Rotweins in die Endlosschleife, während Oma Rosa Kisten auf die Bühne schafft, als schleppe sie ihr Leben vom Dachboden. In einer Schachtel stecken Oskars Briefe an den lieben Gott.

"Rosa Prosa", "emotionale Antatscherei"? Die Kritik hat Eric-Emmanuel Schmitts längst auf die Bühne gehobene, längst verfilmte Erzählung "Oskar und die Dame in Rosa" gründlich verrissen, aber den Bestseller zuweilen auch hoch gelobt. Mit der Inszenierung dieses Stückes (Regie: David Ortmann, Dramaturgie: Sabeth Braun) begann im Alten Theater Dessau ein neues Format namens "Selbstgespräche". Verhandelt wird künftig der "Monolog als klassische Form der Selbstverständigung" und Selbstbefragung mit dem ermutigenden Appell: "Gehen wir also in uns - und hoffen, dass wir dort jemanden treffen". Oma Rosa (Christel Ortmann) trifft ihre Erinnerungen an Oskar.

Oskar ist zehn Jahre alt und hat nur noch wenige Tage zu leben. Die Wahrheit wird verschoben. Die Eltern sind maßlos überfordert. Der Arzt findet keine Worte für die Ohnmacht. Nur Oma Rosa hat den Mut zur Offenheit. Sie rät Oskar, Briefe an den lieben Gott zu schreiben und die Zeit auszuklinken, so zu tun, als dauere jeder Tag zehn Jahre.

Die Wahrheit wird Oskar zwischen Tür und Angel bescheinigt. Seine Ehe mit Peggy Blue dauert irgendwie zwischen Tag und Tag. Einige Tage später ist er über 100 Jahre alt und stirbt.

Schmitts Text ist ein Plädoyer gegen Verdrängung, für Dankbarkeit über die ausdrückliche Leihgabe Leben, für die Intensität von Beziehungen und für eine erfüllte Zeit in Absehung ihrer Länge. Warum dann Kritik? Schmitt bezieht sich etwa ausdrücklich auf Dostojewski. Iwan Karamasow will angesichts des Leidens von Kindern seine Eintrittskarte in die höhere Harmonie zurückgeben. Oskar verhandelt die Frage nach der Theodizee, nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens bündig: "Entweder er (Gott) ist böse. Oder er ist eine Flasche." Schmitt projiziert so erwachsene Gedanken und Fragen auf eine Kinderbuch-Sprache, die man erfrischend, oder, betrogen um die Bitterkeit, "rosa" nennen mag.

Auf die Bühne! Es beginnt mit dem Blick auf eine Hinterbliebene, auf eine Frau, die kein Rosa aufträgt. Christel Ortmann schleppt Kisten und Erinnerungen. Wie der große Müll sie atemlos macht, machen sie Gedanken an Oskar liebevoll. Sie vermittelt etwas von diesen großartigen Menschen, die am Bett sitzend zuhören können, ohne sich in Antworten flüchten zu müssen. Sie schafft, was sich scheinbar ausschließt.

Sie spricht voll gewinnender Aufmerksamkeit. Und wenn sie doch mal zur Märchentante wird, glaubt man ihr, einer stark wirtschaftenden Haushälterin der Sentimentalität.

Die Bühne verzichtet durch die Rahmenhandlung auf klinische Sterilität. Der kurze "Briefroman" erfährt deutliche Kürzungen. Die Vorgabe des Monologs wird unterwandert. Denn Oskar meldet sich zu Wort. Carl von Wolffersdorff leiht dem sterbenden Kind eine frische Kinderstimme, die per Kassettenrekorder eingespielt wird und alle oben genannten Bedenken in unverstellter Art auszuhebeln scheint. Die Rahmenhandlung und der Kunstgriff, das Thema protokollierend aus der Distanz zu spielen, scheinen eine Lücke zu schließen, Trauerphasen, die der Text überspringt.

Wie sonst könnte man, dem augenzwinkernden, engelhaften Bengeljargon Schmitts misstrauend, doch mit einem rührseligen Lächeln auf den Lippen quittieren, dass Oskar gerade gestorben ist?

Schauspieler Müller-Stahl überzeugt das Publikum, Mitteldeutsche Zeitung, 4.11.2019

VON THOMAS ALTMANN
Sebastian Müller-Stahl glänzte am Sonnabend mit dem Monolog „Rum und Wodka“ von Conor McPherson im Dessauer Kiez-Café. Es handelte sich bereits um die zweite Folge der „Selbstgespräche“, die vor wenigen Wochen mit „Oskar und die Dame in Rosa“ begannen.

Eigentlich willst du nur einen Schluck trinken, gehst in die Kneipe. In der Ecke sitzt ein Typ, säuft, raucht, siedet. Er rammt sich den hämmernden Rhythmus der drögen Musik durch die besoffenen Schenkel, wankt auf dich zu, schlaucht eine Kippe und erzählt dir sein Leben. Der Abend ist gelaufen, so defekt, wie dieses sinnlos vorverdaute Dasein.
Literarische Schleifspuren
„Rum und Wodka“ und reichlich Bier und Whisky: Conor McPhersons Monolog einer verpassten, versoffenen Adoleszenz war am Sonnabend im rappelvollen Dessauer Kiez-Café nicht zu überhören. Als Chefsache in Szene gesetzt von André Bücker soff Sebastian Müller-Stahl in Folge Zwei der „Selbstgespräche“, die vor wenigen Wochen mit „Oskar und die Dame in Rosa“ begannen. Dieses intensive, konzentrierte und endlich auch im Spielplan des Anhaltischen Theaters platzierte Genre begann mit zwei (des ersten wegen in Anführungszeichen) „Monologen“, die in ihren Texten lediglich literarische Schleifspuren führen. Und dennoch: Gut gelaufen, weil Christel Ortmann überzeugend mit der Sentimentalität wirtschaftete, weil Sebastian Müller-Stahl nun einen wahren Scheißkerl in die Kneipe setzt, und, weil sich in der gekräuselten Feuchte des Erbrochenen doch die Gesellschaft spiegelt.
Es spielt, wo die große Literatur wohnte, in Dublin. Der namenlose, das müsste man anders sagen, Held ist 24 Jahre alt. Vor vier Jahren traf er ein Mädchen, auf einer Party. Sie kümmerte sich um ihn, „während ich in ihren Schuh kotzte“. Sie wird schwanger. Heirat, ein biederer Bürojob, ein zweites Kind, eine Hypothek, ein Reihenhäuschen. Er arbeitet, säuft, schläft, auch mit seiner Frau, nennt es nur anders, und manchmal, diesmal ist es das richtige Wort, spielt er mit den Kindern, spielt Vater.
Als er eines Tages betrunken aus der Mittagspause kommend zur Rede gestellt wird, passiert es. Er wirft seinen Computer aus dem Fenster. Nun säuft er ein Wochenende durch, trifft eine Frau aus besseren Kreisen, schlägt sich und sitzt wieder vor dem Bett der Kinder. „Wenn du in der Scheiße steckst, empfindest du all die selbstgerechte Empörung des unschuldigen Opfers.“ Solche Gedankenschläge bleiben selten. Das Wochenende läuft als Tatsachenbericht eines versoffenen, kotzenden Egomanen. „Ok. Ich bin nun mal ein verblödeter Arsch.“
Kein Ästhet des Alkohols
McPherson stilisiert seinen Helden keineswegs zum Ästheten des Alkohols. Was bleibt? Nur ein endloses Erbrechen auf der literarischen Ebene eines Kneipenpissoires? Ja, und dennoch spiegelt sich die Gesellschaft im Abort, eine Gesellschaft, die sich so gibt, als seien große Ziele permanent verfügbar, eine Gesellschaft, die, indem sie Freiheit und Glück sagt, Abhängigkeit und Sucht erzeugt.
Klar hat der Säufer zu früh die Hypotheken des Erwachsenwerdens aufgenommen. „Das war’s“, sagt dieser Kerl im Angesicht dreier Menschen, als spielten sie keine Rolle. Fragte man ihn, was er mehr wolle, schlüge einem der abgestandene Atem einer leeren Flasche entgegen. Komasaufen als Gesellschaftsspiel! Geschlechtsverkehr, Marke setzen, Beinchen heben! Mehr! Weiter! Die Übertragung marktwirtschaftlicher Prinzipien auf das Leben fordert Tribut. Aufhören, aufmerken, sich zufrieden geben? Dann würde der Markt kollabieren. So kollabiert das Leben.
Schauspiel in der Stadt
Für diese kleinen Inszenierungen jenseits der Gala, am Fuße der Leuchttürme in verkarsteter Landschaft brauchen wir das Schauspiel. Bravo für diese unaufgeregt erschlagende Inszenierung einer hohlen Hyperventilation. Bravo dafür, dass das Schauspiel mit diesem Stück einmal mehr in die Stadt geht. Und Bravo für Sebastian Müller-Stahl. Wie er diesen Scheißkerl sehnig serviert, wie er ihn selbsttrunken durch alle Bierlachen zieht, wie er sich an der verschanzten Leere verletzt, wie er beißt und zielsicher ins Nichts tritt! Schade: Der Monolog ist gelaufen. Zweimal und vorbei. Vielleicht, weil wirklich Wodka, Whisky, Rum im Glas waren. C’est la vie. Prost!
Postskriptum: Eigentlich ist Schluss. Müller-Stahl setzt sich zu einem älteren Paar auf die Lehne eines Sofas, fragt in versoffener Vertrautheit: „Hab ich ihnen schon erzählt, was ich in den letzten drei…“ Sie schweigen. Hau ab!

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