Die Auffindung und Aufführung von „Des Bettlers Oper“ nebst ihrer lang verschollenen Fortsetzung „Polly“ durch die ehrbare Schauspieltruppe des Anhaltischen Theaters zu Dessau unter reger Anteilnahme von illustren Gästen aus der Gegenwart, kurz:

The Beggar´s Opera / Polly

Premiere am 22. Februar 2014, Wiederaufnahme 3. Januar 2015

In ihrem Erfolgsstück »The Beggar’s Opera«, das 1728 uraufgeführt und exakt 200 Jahre später von Kurt Weill und Bertolt Brecht zur »Dreigroschenoper« umgearbeitet wurde, erzählen John Gay und Johann Christoph Pepusch die Geschichte des Bettlerkönigs Jonathan Peachum und seines Rivalen Macheath – also keine heroische Opernhandlung, sondern eine Räuberpistole aus ihrer eigenen Gegenwart. Auch in seiner Dessauer Fassung ist das Stück nun auf aktuelle Verhältnisse gemünzt. Doch während in diesem ersten Teil ein gewisser Mister Hopeman die Aufführung so nachhaltig stört, dass er schließlich gefangen und geknebelt werden muss, feiert das Theater mit der »Polly« nach der Pause seine Auferstehung – als knallbunte Südsee-Revue, als »Fluch der Karibik« im Barock.

Vorstellungsdauer: 3h 45 Min. (inkl. 1 Pause)

4 Tonbeispiele / Auszüge

Wir stehen hier als wenige von Vielen
Wer soll das nur bezahlen
Mann vom Land
Die Kostüme sind zerrissen

Zur Premiere 2014 veranstalteten wir unseren ersten Theater-Tweetup und ließen dafür Besucher live aus der Premiere twittern!

Unter dem Hashtag #Begop konnten unsere Premierentwitterer sowie Twitternutzer außerhalb des Theatersaals ihre Fragen, Beobachtungen und Gedanken twittern.

ALLE TWEETS HIER NOCHMAL NACHLESEN!


Inszenierung André Bücker
Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Bühne Jan Steigert
Choreografie Gabriella Gilardi
Kämpfe Klaus Figge
Kostüme Suse Tobisch
Dramaturgie Andreas Hillger
Gesangscoaching Cornelia Marschall / Wiard Witholt

Macheath / Morano Mario Klischies
Bettler / Peachum / Ducat Gerald Fiedler
Mrs. Peachum / Mrs. Ducat Natalie Hünig
Polly Jenny Langner
Lockit / Pohetohee Dirk Greis
Lucy Marie Ulbricht
Mr. Hopeman Sebastian Müller-Stahl
Mrs. Knitter / Belinda Trapes Illi Oehlmann
Jenny / Damaris Christel Ortmann
Matt / Capstern Patrick Rupar
Robin / Culverace Felix Defèr
Jimmy / Cawawkee Patrick Wudtke
Zwillingsbruder von Cawawkee Silvio Wiesner
Ben / Bunbolbot Karl Thiele
Ned / Cutlace Stephan Korves
Indianer / Bote Boris Malré
Wirtin Karin Klose
Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie und der Band l’arc six sowie das Ballettensemble und Mitglieder des Extrachors und der Statisterie des Anhaltischen Theaters

PRESSESTIMMEN

Peter Laudenbach, Theater heute, April 2014

Hier dirigiert der Minister

Das Anhaltische Theater Dessau widmet sich mit einer Bettleroper liebevoll einer roten Null Es kommt eher selten vor, dass Ministerialdirigenten ihre Auftritte im Theater haben. Das ist nicht nur aus ästhetischen Gründen auch besser so. In diesem Fall handelt es sich um einen Herrn im grauen Anzug, der in einer laufenden Vorstellung vom Rang aus sein Missfallen kundtut, um alsbald zügig ins Bühnenge¬schehen einzugreifen: «Ich lasse mir von Ihren politischen Sticheleien doch nicht den schönen Abend verderben.» Natürlich dient der «schöne Abend» im Anhaltischen Theater Dessau, eine Bearbeitung von John Gays «Beggar’s Opera» im Stil einer angriffslustigen Grips-Theaterrevue, nur als Startrampe für den Auftritt des grauen Herren (Sebastian Müller-Stahl), der gerne mal selbst das Orchester dirigiert («Ich bin Ihr Ministerialdirigent!»). Im machtbewussten Phrasenvokabular der Exekutive entdeckt er jede Menge Einsparpotentiale im Ensemble: «Synergie schadet nie.»

Das wäre nichts als eine platte Politikerkarikatur, wenn die Politikerkarikatur nur eine Erfindung des Regisseurs und Intendanten André Bücker wäre und Stephan Dorgerloh, dem Kultusminister des kleinen Sachsen-Anhalt, nicht so frappierend ähnlich sehen würde. Viele der besonders peinlichen Zitate musste sich Bücker nicht ausdenken. Er konnte sie einfach aus öffentlichen Äußerungen des politischen Personals der Landsregierung übernehmen. Auch der kolportierte Spitzname des SPD-Ministers Dorgerloh («Die rote Null») ist keine Erfindung des Regieteams, versichern Beteiligte. Bei der Repertoirevorstellung an einem Sonntagnachmittag sorgen die Frontalangriffe im gut gefüllten Parkett des 1.000-Plätze-Hauses zuverlässig für höhnischen Applaus. Falls das alles nicht deutlich genug sein sollte, schmückt eine Collage, auf der Dorgerloh mit Kulturdenkmälern Bowling spielt, das Programmheft.

Einfach abwickeln

Dass Bücker, seit 2009 Intendant des Vier-Sparten-Theaters, sich gar nicht erst die Mühe macht, die Form zu wahren, hat Gründe. Zum Beispiel den, dass die große Koalition, die Sachsen-Anhalt regiert, im Dezember 2013 Kürzungen der Landeszuschüsse für sein Theater um 2,8 Millionen Euro durchgewunken hat – ab dem Haushaltsjahr 2014. Planungssicherheit sieht anders aus. Weil ein Haustarifvertrag (der bedeutet, dass die Mitarbeiter 10,5 Prozent unter Tarif verdienen und so den Etat des Hauses um 1,8 Millionen Euro im Jahr entlasten) betriebsbedingte Kündigungen frühestens im Sommer 2015 wirksam werden lässt, ist ein Defizit vorprogrammiert. Den kostensparenden Haustarifvertrag würde die Landesregierung übrigens lieber nicht fortführen – auch wenn er das Theater seit Jahren arbeitsfähig hält.

Etwa 90 der 340 Stellen müssten gestrichen werden, um das vom Land gewollte Einsparvolumen umzusetzen. Allein für die Abfindungen rechnet Bücker mit Kosten von etwa 11 Millionen Euro. Der originelle Vorschlag der Landesregierung: Dessau solle einfach bis auf die Oper alle Sparten – Schauspiel, Ballett, Puppentheater – abwickeln. «Mit dem Geld, das dann noch zur Verfügung steht, 15 Millionen Euro, können wir kein Musiktheater in einem Haus unserer Größe auf dem jetzigen Niveau machen. Ein Gutachten, das eine Unternehmensberatung im Auftrag der Stadt angefertigt hat, weist nach, dass dafür der Etat nicht reicht. Wir können hier nicht fünf Mal die Woche Oper spielen. Auslastung und Eigeneinnahmen würden schrumpfen. Operette und Musical ohne Ballett – wie soll das gehen?», fragt Bücker. Und dann zählt er ein paar Erfolgszahlen auf, von einer Auslastung um die 90 Prozent bis zu 180.000 Besuchern im Jahr in einer Stadt mit 85.000 Einwohnern.

Einige Argumente der Landesregierung sind nachvollziehbar. In Dessau wie in ganz Sachsen-Anhalt schrumpft die Bevölkerung. Das Land muss sich auf die Schuldenbremse und das Auslaufen des Solidarpakts Ost vorbereiten. Aber wenn das Land sein Kulturangebot an veränderte finanzielle Rahmenbedingungen anpassen will, macht es mit den abrupten Etateingriffen und der Hektik, die alle langfristigen, vorsichtigen Transformationsprozesse blockiert und unnötig Kosten produziert, im Augenblick so ziemlich alles falsch. Dorgerloh, der im Theater vor allem Einsparpotentiale sieht und neben Dessau auch den Bühnen in Halle und Eisleben die Landeszuschüsse massiv gekürzt hat, ist übrigens stolz darauf, dass die Kulturausgaben des Landes 2014 leicht erhöht wurden – von 85,3 Millionen Euro in 2013 auf 88,9 Millionen Euro. An seinen Theatern spart Sachsen-Anhalt dagegen 7 Millionen Euro. Weil 2017 Luther-Jahr ist, gibt Dorgerloh, ein evangelischer Theologe, der vor seinem Ministerjob als Beauftragter des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands für die «Lutherdekade» zuständig war, 2014 schon mal «zum Reformations¬jubiläum» aus Steuermitteln 16 Millionen Euro aus. Auch eine Möglichkeit, Kulturpolitik misszuverstehen: Jubiläumsspektakel und Denkmalpflege statt lebendiger Kunst.

Mathias Schulze, FRIZZ Stadtmagazin, April 2014

Wenn das Theater in prekären Zeiten genau diese inszeniert: Am Anhaltischen Theater in Dessau wird derzeit in „The Beggar's Opera/ Polly“ gegeben

Die Antwort

Am Anhaltischen Theater in Dessau wird derzeit "The Beggar's Opera/Pclly" gegeben. Das hat Presseberichte aus allen Winkeln der Republik zur Folge. Warum? Hier erlebe man die Inszenierte Antwort auf die Sparpolitik im Lande. Eindrücke aus Dessau.

Eigentlich fing es an wie immer. An der Abendkasse wird die Karte abgeholt, am Stand gegenüber nimmt man die Flyer in Empfang. Und dann ab in den Saal. Hinsetzen, Publikum einschätzen - etwa ein Viertel der Plätze bleiben an diesem Abend leer - Programmheft aufschlagen. Dort wird, umrandet von einer nackten Frau, die selbstbehauptend die Hände in die Hüfte stemmt, ein historischer Vergleich angestrebt. Aus der Resolution der Künstler des Staatsschauspiels Dresden vom 6. Oktober 1989 findet man Zitate: "Wir treten aus unseren Rollen heraus. Die Situation in unserem Land zwingt uns dazu. Ein Volk, das zur Sprachlosigkeit gezwungen wurde, fängt an, gewalttätig zu werden."

Im Saal herrscht eine besondere Atmosphäre. Schon der Applaus am Anfang präsentiert sich als Solidaritätsbekundungen. Der Austritt aus der Rolle wird nun auf der Bühne stattfinden, der Rezensent Matthias Schmidt schreibt bei ,,nachtkritik.de": "Der Grund aber, warum hier nicht einfach eine normale Kritik zur Bettleroper steht, ist ein anderer. Es ist derselbe, aus dem die Dessauer, statt die Bettleroper zu spielen, sich selbst spielen. Sie treten aus ihren Rollen und aus dem Stück heraus, weil sie keine andere Wahl mehr haben.“

Die Ansprachen auf der Bühne werden persönlicher, die Konzentration auf ästhetische Vorgänge klappt einfach nicht, zu viel unmittelbarer Gegenwartsbezug. Eine Person spricht über sich: „Ich spiele hier Peachum. Wir sind freie Schauspieler mit Diplom.“ Früher hätte er das Theater als moralische Anstalt verstanden, heute sei es der letzte Zufluchtsort vor der Wirklichkeit.

Ein Herr im Publikum, Sebastian Müller-Stahl, wird gleich als Mr. Hopeman am Bühnengeschehen teilnehmen, ruft dazwischen: "Ich lasse mir von diesen politischen Sticheleien nicht den Abend versauen." Eine Dame sitzt zwei Plätze entfernt. Sie reagiert auf die Gags. Bei jeder Spitze in Richtung Landesregierung lacht sie auf, applaudiert zynisch. Ohne sie zu kennen, ist es zu spüren, was ihr das Haus bedeutet. Beklemmend, schon in der Ferne körperlich zu merken, dass in ihr etwas zerbricht.

Mr. Hopeman kommt auf die Bühne. Da steht er vor den zerfallenden Neubauten, vor der knallbunten Fassade. Spielautomaten, Sonnenschirme, Partylichter. Hopeman steigt über den Sterni-Bierkasten und erzählt von Strukturanpassungen, die alternativlos seien, davon, dass alle sparen müssten. Er wünsche sich etwas mehr Kreativität und Effizienz. Die anderen Personen reagieren: „Solange der hier da ist, können wir nicht spielen.“ So schnappt sich der Souffleur seinen Rucksack und schlürft über die Bühne. Hinweg, hinfort. Das Ballett latscht auch einmal quer. Der Bahnhof ist ja nicht weit vom Theater entfernt.

Vor dem Haus kann man Sätze aufschnappen. Jemand zieht an seiner Zigarette und raunt: "In Dessau ist es gerade schwierig, kritisiert man die Aufführung, dann wird man leicht als Freund der Landesregierung bezeichnet." Zwischendurch solle es kurz plumpes Kabarett gewesen sein. Manche fanden den ersten, manche den zweiten Teil besser.

Drinnen drückt die Wirtin Karin Klose mal wieder ein Auge zu. Die Soljanka kann nicht bezahlt werden, in Richtung Hopeman interveniert sie: .Wenn'se meine Schauspieler nicht in Ruhe lassen, dann komm'se mal hinter, zum Kartoffel schälen." Für den Rest gibt es eine Runde Schnaps. Kriminalität, so ist man sich plötzlich einig, ist der letzte Ausweg.

Hopeman empfiehlt ein Kulturwerkmodell: Früh Theaterpädagogik, dann eine Bauhausführung. Schon geht das gegenseitige Schlachten los. Warum kriegt die das? Und ich nicht? Die Antwort folgt sofort: "Wer schweigt, der bleibt."

Die Personen auf der Bühne erklären: "Das sollte der Vater von Polly sein, dann sollte seine Frau von links kommen. Während hinten das alte Bühnenbild steht." Oben kann man mitlesen: "Die Handlung und die handelnden Personen dieses Stückes sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit ist nicht beabsichtigt."

Im Foyer das Gästebuch. Dort stapeln sich die Eintragungen: "Wir sind mittendrin in der Tragödie. Es fehlen immer die Worte und das Herz hört nicht auf zu schlagen. Für das Theater, für Euch."

Im Programmheft steht ein Zitat von André Schröder, geäußert auf der Landtags-Pressekonferenz am 11. Dezember 2013. Man wolle nicht länger in ein krankes System investieren. Plötzlich kommt ein Chor. Er nennt sich "Wenige von Vielen". Alle gemeinsam setzen sie an, das Orchester ist in Hochform, die Armut sei ein hoher Preis für Anmut: "Wir stehen hier als wenige von vielen / Und strecken uns're leeren Hände aus. / Wir wollen gar nicht betteln, sondern spielen / Doch braucht der Mensch auch Brot, nicht nur Applaus."

Im Zug, der am späten Abend aus Dessau hinausführt, sitzt eine junge Frau und weint einsam still in die Nacht hinein. Sie hat an diesem großartigen Abend nicht teilgenommen. Der Wunsch, keine angemessene Theaterkritik zu schreiben, modelliert sich zum freien Vorsatz. "Wir stehen hier als wenige von Vielen."

Jürgen Gahre, DAS OPERNGLAS, April 2014

In Dessau weiß man sich zu wehren. Nicht nur die Musik der 1728 uraufgeführten »Beggar's Opera« von John Gay und Johann Christoph Pepusch wurde nun in einer musikalischen Neufassung von Christoph Reuter und Cristin Claas bearbeitet, sondern auch der Text, und zwar von Andreas Hillger und André Bücker. Ganz im Sinne von Gay/Pepusch und Brecht/Weill ist im Anhaltischen Theater eine bissig-satirische Fassung zur Aufführung gekommen, die mit heftiger Kritik an den sogenannten "Strukturanpassungen", die Sachsen-Anhalts Kultusminister als "Sparkeule" für das traditionsreiche Theater vorgesehen hat, wahrlich nicht spart. Wenn zu Beginn der Aufführung ein Schauspieler die prekäre Situation des Theaters beklagt, interveniert lautstark ein gewisser Mr. Hopeman (Sebastian Müller-Stahl), ein im Publikum sitzender Vertreter der Magdeburger Regierung. Er tut das mit Zitaten von Politikeräußerungen wie: "Wir wollen nicht länger in ein krankes System investieren." Diesen Mr. Hopeman lässt man schließlich im Stück mitspielen, da Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff auf die Frage, ob er denn eventuell einmal in einem Film mitwirken wolle, gesagt hatte: "Es muss aber eine angemessene Rolle sein - keine zur Selbstdarstellung. Und es muss eine positive Botschaft für unser Land darin stecken." Sogleich wird Hopeman, kaum dass er auf der Bühne ist, von Frauen verprügelt, und das von Gay/Pepusch vorgesehene Happy End wird kurzerhand umgeschrieben. Es endet bitterböse für den Ärmsten.

Dass die »Beggar's Opera« eine Fortsetzung hat, in der Polly auf der Suche nach ihrem Ehemann Macheath in der Neuen Welt ist, das ist so gut wie unbekannt. Der britische Premierminister Robert Walpole hatte die Balladenoper »Polly« seinerzeit verboten, da sie ihm, der in den Börsenkrach von 1720 verwickelt gewesen war, in ihrer Kritik an der "South Sea Bubble" zu weit ging. Mit einiger Mühe aber hatte man sich Partitur und Text zu dieser kuriosen Fortsetzung beschaffen und mit allerlei exotischem Flair präsentieren können.

André Bückers einfallsreiche Inszenierung beider Opern ist farbenfroh und detailgenau und manchmal auch recht drastisch, dem Huren- und Zuhältermilieu also durchaus angemessen. Auf einer großen Stellage spielt sich das bunte Treiben ab – da können dann auch mancherlei pikante Nebenhandlungen gezeigt werden (Bühnenbild: Jan Steigert). Die fantasiereichen Kostüme (Suse Tobisch) sind teils modern, teils aber auch der Gay/Pepusch-Zeit verpflichtet. Die Umbauten auf der Bühne nutzt Bücker für einen Blick in die Künstlerkantine. Was dort gegessen, getrunken und gesprochen wird, ist im Close-up zu sehen (Live-Kamera: David Ortmann), und da Mr. Hopeman weiterhin unverschämte Bemerkungen macht (wie etwa "Können die Schauspieler nichts Vernünftiges tun, während sie auf ihren Auftritt warten?"), kann sich das Publikum auch hier über die politischen Entscheidungsträger amüsieren. Für »Polly« haben sich Bücker/Steigert eine bizarre Wüstenlandschaft mit Bilderbuchindianern ausgedacht. Der häufige Einsatz der Drehbühne kann aber nicht wirklich darüber hinwegtäuschen, dass sich Längen einschleichen, was eben auch an der teilweise wenig ergiebigen Musik liegt.

Das Anhaltische Theater hat alle Kräfte mobilisiert, um zu zeigen, zu was es künstlerisch fähig ist: Schauspiel, Chor, Ballett und Orchester laufen zu Höchstform auf und faszinieren mit einem engagierten, überaus intelligenten Spiel. Man spielt schließlich um die eigene Existenz und schießt immer wieder und mit großer Treffsicherheit vergiftete Pfeile in Richtung Regierung. Dafür geben auch die zahlreichen Solisten ihr Bestes, allen voran die reizend freche und unwiderstehliche Polly der Jenny Langner. Ihre Handgreiflichkeiten mit ihrer Rivalin Lucy, die von Marie Ulbricht famos gesungen und gespielt wird, sind ein köstlicher Höhepunkt dieser Inszenierung. Der Streit spielt übrigens auf das berühmte Handgemenge an, das sich die Primadonnen Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni kurze Zeit vor der Uraufführung der »Beggar's Opera« in einer Händel-Oper geliefert hatten. Mario Klischies ist der wandlungsfähige Frauenheld Macheath (und Morano in »Polly«), Gerald Fiedler bleibt der schlitzäugigen Hintertriebenheit des Bettlerkönigs Peachum (später Ducat) nichts schuldig, und Natalie Hünig als seine Frau Mrs. Peachum (später Mrs. Ducat) ist derb und nie um ein rechtes Wort verlegen.

Daniel Carlberg dirigierte die Anhaltische Philharmonie und die Band "L`Arc Six" mit beeindruckendem Schwung und spürbarem Engagement und ließ immer wieder durchblicken, dass Kurt Weill bei dieser Neufassung Pate gestanden hat. "Wir wollen gar nicht betteln, sondern spielen. Doch braucht der Mensch auch Brot, nicht nur Applaus," heißt es im Text dieser Dessauer Version der »Beggar's Opera« von 2014. Zumindest der sehr herzliche und lange Applaus des Publikums im ausverkauften Großen Haus war an diesem Premierenabend allen Ausführenden sicher.

Ekkehard Pluta, Opernwelt, April 2014

Artists in resistance

Die Dessauer kämpfen beim Kurt Weill Fest für den Erhalt ihres Schauspiels

Über den kulturellen Kahlschlag, den die Landesregierung von Sachsen-Anhalt im vergangenen Juni beschlossen hat, ist in den letzten Monaten viel zu lesen gewesen. Dessau trifft es besonders hart: Hier sollen die Sparten Schauspiel und Ballett ganz eingespart werden.

Jetzt haben sich Intendant André Bücker und das Ensemble mit den Mitteln des Theaters gegen den Kahlschlag zur Wehr gesetzt. Das 22. Kurt Weill Fest bot dafür die ideale Plattform, auch wenn nicht die „Dreigroschenoper“ gegeben wurde, sondern die ihr zugrunde liegende „Beggar’s Opera“ von John Gay und Johann Christoph Pepusch aus dem Jahr 1728. In Abwandlung des Titels „Artists in residence“ bezeichnen sich Schauspieler und Musiker als „Artists in resistance“.

In der Dessauer Fassung ist die „Beggar’s Opera“ nur noch Aufhänger für eine kulturpolitische Demonstration. Der Dramaturg Andreas Hillger hat in die bekannte Handlung einen Ministerialdirigenten namens Hopeman eingeschleust, der die Schauspieler nachhaltig daran hindert, ihre Arbeit zu tun, mit unsachgemäßen Kommentaren, kuriosen Einsparungsvorschlägen und ungebetener Berufsberatung für die Zeit nach der Schließung: eine Collage von Originalzitaten der Politiker aus den aktuellen Debatten.

Pepuschs barocke Klänge werden konterkariert von neuzeitlichen Songs (Musik: Christoph Reuter und Cristin Claas). Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie und die Band „L’Arc Six“ musizieren unter der animierenden Leitung von Daniel Carlberg mit- und gegeneinander. Zwischendrin gibt’s Filmaufnahmen aus der Kantine und der Herrentoilette. Macheath gibt seine Rolle an den so kunstsinnigen Hopeman ab, der dann an seiner Statt auch – symbolisch – gehängt wird. Ungewollte Ironie: Ausgerechnet die Rolle des ministerialen Widerlings war dem handwerklich souveränsten Schauspieler im Ensemble, Sebastian Müller-Stahl, anvertraut: Er ließ kein Wort seines Textes verloren gehen, während es bei den übrigen diesbezüglich Defizite gab. Doch wurden solche Schwächen kompensiert durch die Spiellaune, ja Spielwut des gesamten Ensembles, das hier buchstäblich um sein Leben zu spielen schien.

Sozusagen als „Bonus“ wird nach der Pause das Sequel „Polly“ gegeben, mit dem Gay und Pepusch an den Erfolg der „Beggar’s Opera“ anknüpfen wollten. Das Stück wurde jedoch vor der geplanten Uraufführung (1729) verboten und kam erst ein halbes Jahrhundert später auf die Bühne. Eine deutsche Bearbeitung von Peter Hacks (1965) verschwand bald in der Versenkung. Der Plot: Polly bricht in die Neue Welt auf, um ihren Ehemann Macheath zu suchen. In der Maske des Piraten Morano erkennt sie ihn nicht und verletzt ihn im Zweikampf tödlich. Die Handlung kulminiert in der Schlacht in der Schlacht im Blauwassertal zwischen Indianern, weißen Siedlern und Piraten. Das Stück enthält viel Action, manchen Leerlauf und hat letztlich wenig Erkenntniswert. Regisseur Bücker versucht die Handlung am Laufen zu halten, lässt die Drehbühne unaufhörlich rotieren, serviert aparte Choreografien und komische Kampfszenen. Es wird gesungen, was das Zeug hält. Auch hier stammt die Musik großteils von den nimmermüden Bearbeitern, deren Mittel sich aber mit der Zeit erschöpfen. Das gilt in ähnlicher Weise auch für Hillgers Texte.

Nach stattlichen vier Spielstunden gab es lang anhaltende Ovationen, die nicht nur ein Akt der Solidarität waren, denn schon die Reaktionen während der Vorstellung hatten deutlich gemacht, dass sich die Dessauer „wie Bolle“ amüsierten. Besser hätte das Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters seine Existenzberechtigung nicht unter Beweis stellen können.

Horst Dichanz, opernnetz.de, 26.02.2014

Macheath und die Gefahr der Strukturanpassung

Auch wenn die Anhalter inzwischen mehr als sauer sind, ins Boxhorn jagen lassen sie sich nicht, und den Kopf in den Sand zu stecken oder ihn einzuziehen ist nicht ihre Sache. Und die des André Bücker, dem Intendanten des gebeulten Theaters am Friedensplatz, erst recht nicht. Mit selten erlebter Kreativität, Frechheit und Unerschrockenheit haben er, sein Theater und die Dessauer seit Bekanntwerden des Strukturplanes für die Restrukturierung der Theaterlandschaft in Sachsen Anhalt für ihr Theater gekämpft, haben mutig, öffentlich und phantasievoll ihr Theater fest gebunden, den Bürgermeister die Streitaxt schwingen lassen, Koalitionen mit anderen Häusern gesucht – und setzen jetzt noch eins drauf.

Wer sich unter den Besuchern des Kurt-Weill-Fests auf eine spannende Gegenüberstellung der Beggar´s Opera von John Gay und Johann C. Pepusch von 1728 mit der von Kurt Weill und Bertolt Brecht 1928 in Berlin uraufgeführten Fassung der Dreigroschenoper gefreut hat, wird sehr überrascht, vielleicht auch enttäuscht sein. Christoph Reuter und Cristin Claas haben die Vorlage musikalisch gründlich bearbeitet, und André Bücker hat dem Stück eine Inszenierung verpasst, die so aktuell und so schmerzend ist, dass einem häufig das Lachen im Halse stecken bleibt. Dieses Soho liegt in Sachsen-Anhalt, und diese beggars, so vermuten viele, wird man bald in Dessau und Umgebung treffen – eine fatale Parallelität.

Unter Leitung von Daniel Carlberg beginnt das kleine Orchester eine wunderschöne Ouvertüre leichter barocker Tanzmusik. Der Zuhörer macht es sich in seinem Sessel bequem und freut sich auf einen entspannten Abend. Doch die Handlung der Balladenoper kommt nicht so recht in Gang, weil sich – vor geschlossenem Vorhang – eine scharf-laute Stimme aus dem Publikum meldet und ungefragt ihre Kommentare zur Notwendigkeit, zur Nützlichkeit und vor allem zur Kosteneffizienz dieser Einrichtung Theater abgibt. Es dürfte reiner Zufall sein, dass diese Figur große Ähnlichkeit mit dem gestern anwesenden Herrn aus Magdeburg hat, dessen Name eine Protestkampagne inzwischen mit „HaselOFF“ buchstabiert.

Reuter und Claas mischen altenglische Originaltexte mit neuen Passagen, in denen sie wortwitzig und scharf die Kultursituation in Sachsen-Anhalt und besonders die des Theaters Dessau skizzieren und karikieren. Sie setzen neue Songs neben barocke Klänge, wenn sie in dem neuen Protestsong Wenige von vielen drohen „Noch lacht Ihr. Doch der Bettler lacht zuletzt.“ Der Bezug zum Original darf dabei durchaus in den Hintergrund treten. Zwar bleiben die Originalfiguren erhalten, aber eigentlich mischt sich immer wieder der aalglatte und zynische Mr Hopeman, der mit dem H vorne, in das Geschehen ein, so dass eine fortlaufende Handlung nicht zustande kommen kann. Der Spielbetrieb ist eben gestört. Auch die Beiträge von Mr und Ms Peachum, Polly und Macheath tragen kaum zur Entwicklung der Handlung bei. Immer wieder treten sie aus ihren Rollen und Gesangspartien heraus und fügen Songs im Weill-Stil ein, sie skizzieren unmissverständlich, scharf und mit viel Ironie die Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt. Sie meistern die barock verzierten Lieder ebenso wie die flotten, eher harten Songs aus der Bettlerwelt. Gerald Fiedlers Mr Peachum führt baritonal klar durch die springende Handlung. Natalie Hünings Mrs Peachum merkt man die Bühnenerfahrung an. Mario Klischies, Bariton, als Macheath gibt seiner Figur das nötige aggressive Gewicht. Jenny Langner, Mezzosopran, präsentiert eine oft überdreht komische Polly mit gelegentlich quietschiger Tönung. Mr Hopeman, der Mann mit dem H, wird von Sebastian Müller-Stahl gespielt, als hätte er sein Rollenstudium in Magdeburg geprobt. Das eingeweihte Publikum klatscht und johlt, wenn eine bitterböse Pointe die nächste jagt. Hier nimmt sich das Theater alle Freiheit, die es beanspruchen muss, hier tobt der Narr durch die Kulissen. Dass dabei mancher auswärtiger Besucher etwas ratlos auf die Bühne schaut, ist unvermeidlich.

Jan Steigert hat eine Bühne gebaut, auf der mit wenigen Möbelstücken das Freudenhaus, die weite Prärie der Indianer, das Deck des Piratenschiffes oder eine Häuserfront der alten Plattenbauten angedeutet sind, Suse Tobisch stattet vorrangig die Darstellerinnen mit bunten Barockkostümen aus und macht aus dem Herrn mit dem H einen steifen Aktentaschen-Bürokraten, den wenigstens sein Anzug aufrecht hält. Die Ballettgruppe, vor allem für die vielen Damenrollen zuständig, wird, der Wirklichkeit knapp vorgreifend, von der Bühne in den Zuschauerraum und aus dem Theater komplimentiert, nicht ohne dass ihr ein zynisches „Good bye“ hinterher geworfen wird. Daniel Carlberg gefällt sich in roter Glitzerrobe als barocker Hofmusiker oder Barkeeper, der mit der Anhaltischen Philharmonie leichte, harmonische Barockklänge erklingen lässt und mit der Band L‘Arc Six Erinnerungen an die Dreigroschenoper-Songs wachruft. So tobt diese Beggar‘s Opera zwischen dem alten Soho und neuen Spielorten vor allem in Sachsen-Anhalt hin und her und zeigt die oft überraschenden Ähnlichkeiten, spießt Formen und Floskeln der angeblich Mächtigen auf und karikiert die Beteiligten, bis hin zum Herrn mit dem H.

Der größte Teil des Publikums ist köstlich amüsiert und applaudiert heftig für diese unerwartete, frech-bösartige und mutige Inszenierung, die völlig respektlos den „Mächtigen“ die Leviten liest. Gleichwohl muss erwähnt werden, dass einige Besucher durchaus enttäuscht sind von dieser Umdrehung der Vorlage zu aktuellen Zwecken, sie hatten sich darauf gefreut, die Gay/Pepusch-Vorlage der Dreigroschenoper kennen zu lernen. Einige ausländische Besucher sind, bei den englischen Passagen noch durch Übertitel unterstützt, bei vielen Textpassagen sprachlich und mit den internen Details schlicht überfordert, ihnen fehlt der Zugang komplett.

Die Dessauer nutzen ihre Bühne, wozu sie da ist: Gesellschaftliche Fragen und Phänomene aufzugreifen, sie kreativ und bildreich auf die Bühne zu bringen und trotzdem die Zuschauer zu unterhalten. „Wir wollen gar nicht betteln, sondern spielen“. Man braucht sie nur zu lassen und die Ampel auf Grün zu schalten.

Juliane Wünsche, livekritik.de, 25.02.2014

Wir haben gespielt, wir sind frei

Der Prolog zu „The Beggar`s opera“ hat gerade begonnen, und schon ist man drin im Stück. Das heißt, nicht im eigentlichen Stück von John Gay aus dem Jahre 1728, sondern in der Realität des Anhaltischen Theaters Dessau. Kaum spricht Bettlerkönig Peachum die ersten Sätze, unterbricht ihn Doc Hopeman mit der Mitteilung, dass das Theater in diesem Jahr 3 Millionen Euro einsparen muss. Angesichts dieser Nachricht ist an eine normale Aufführung nicht mehr zu denken, zumal Doc Hopeman als Vertreter der Landesregierung permanent nach Einsparungsmöglichkeiten sucht.

Dabei fliegen einem immer wieder Zitate um die Ohren, die man in der Debatte über die Einsparungen am Anhaltischen Theater tatsächlich von Politikern der Landesregierung hören musste. Darunter Zumutungen wie: „Es gibt Menschen, die können Krise und es gibt Menschen, die in solchen Momenten schlicht und einfach überfordert sind“, oder „Wir wollen nicht länger in ein krankes System investieren“ als Begründung für die im Dezember letzten Jahres endgültig beschlossenen Einsparungen. Die bedeuten für das Theater übrigens den Wegfall zweier kompletter Sparten, Ballett und Schauspiel. Nur Kindervorstellungen, Opern, Operetten und Konzerte soll es in Dessau zukünftig noch als Eigenproduktionen geben.

Mit Galgenhumor, Selbstironie und einer guten Portion Kampfeslust halten die Schauspieler dagegen und suchen Lösungen für das offenbar unlösbare Problem. Doch trotz des hochbrisanten Themas und der klaren politischen Ausrichtung des Stücks fühlt man sich als Zuschauer sowohl bestens unterhalten, als auch in die Diskussion auf der Bühne einbezogen. So kommentieren die Premierenzuschauer beinahe jedes Zitat und jede Erwiderung durch Klatschen oder Zwischenrufe.

Und dann gibt es Szenen, da bleibt einem das Lachen im Hals stecken, zum Beispiel wenn die von der Kürzung betroffenen Mitglieder des Balletts die Bühne betreten und daraufhin gleich wieder verabschiedet - also entlassen werden. Nicht nur Schauspieler, Musiker und Tänzern dürften sich darin wiederfinden, wenn Doc Hopeman Polly anbietet, ihr Gehalt „vormittags mit Raumpflege, nachmittags mit einer netten Führung durchs Bauhaus“ aufzubessern.

„Wir wollen gar nicht betteln, sondern spielen“ – so endet die Beggar´s Opera. Genau das zeigen die Schaupieler dann im zweiten Teil, „Polly“. Die Schauspieler verlassen ihr Theater, um ihr Glück in einem anderen Land, in Amerika, zu finden. Die Aufführung wird rasanter, bunter und wesentlich turbulenter, ohne den politischen Faden aus dem Auge zu verlieren. Selbst der Dirigent wird ins Stück einbezogen, indem er statt desTaktstocks eine Windmühle aus Flugzeugen schwenkt, ein Piratentuch trägt oder bei der großen Kampfszene zum Schluss von einem Indianerpfeil getroffen wird. Auch die Bühnentechnik, ursprünglich gebaut um Wagner-Stücke aufzuführen, wird samt Dreh- und Hebebühne komplett eingesetzt. Regisseur und Ensemble zeigen so eindrücklich was man leisten kann, wenn einem wie in Dessau alle Ressourcen zur Verfügung stehen. Noch.

„Wir haben gespielt, wir sind frei!“ lauten die letzten Worte auf der Bühne. Das kann bedeuten, wir haben gekämpft und alles getan, um die Kürzungen abzuwenden. Oder eben auch, für uns ist es hier zu Ende. Die 1.100 Zuschauer im Saal sind jedenfalls begeistert. Ganze elf Minuten lang gibt es stehende Ovationen.

Besucherfazit Tasgesaktuelles politisches Theater mit hohem Unterhaltungswert!

Martin Hatzius, neues deutschland, 25.02.2014

Rote Null am Marterpfahl »The Beggar’s Opera/Polly« in Dessau

Das Licht im Saal erlischt, der Vorhang aber bleibt geschlossen. So, wie dieser Abend in Dessau beginnt, könnte es am Anhaltischen Theater bald enden. Das Schauspiel und das Ballett des traditionsreichen Vier-Sparten-Hauses, das derzeit unter dem Motto »Was wir lieben« seine 219. Spielzeit absolviert, sollen abgeschafft werden. Das sieht der von der schwarz-roten Landesregierung abgesegnete Haushaltsplan vor. Das nennt sich in Sachsen-Anhalt »alternativlose Strukturanpassung«.

Aber hinterm Vorhang tut sich noch was. Ein Scheinwerferspot verfolgt die wandelnde Delle im Stoff, die einen Ausweg sucht. Schließlich kommt ein kräftiger Herr mit Zylinder und einem Jackett zum Vorschein, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Das muss der Bettlerkönig Peachum sein, den man aus Brecht/Weills nach einer 1728 uraufgeführten Londoner Vorlage entstandenen »Dreigroschenoper« kennt. Denn in barocken Sprachschleifen angekündigt ist hier ja »Die Auffindung und Aufführung von ›Des Bettlers Oper‹ nebst ihrer lang verschollenen Fortsetzung ›Polly‹ durch die ehrbare Schauspieltruppe des Anhaltischen Theaters zu Dessau unter reger Anteilnahme von illustren Gästen aus der Gegenwart, kurz ›The Beggar’s Opera/Polly‹ - Balladenoper von John Gay und Johann Christoph Pepusch, neu gefasst und musikalisch angereichert von Christoph Reuter und Cristin Claas, mit Texten von Andreas Hillger unter Mitarbeit von André Bücker«.

Aber nein, nicht Peachum könne er heute sein, sagt der Herr vor dem Vorhang und tritt sogleich aus seiner Rolle. Gestatten, Gerald Fiedler sein Name, Schauspieler, der diesen Beruf einst erlernt und ergriffen habe, weil er an das Theater als moralische Anstalt glaubte. Nun sei es die letzte Zuflucht der Wirklichkeit. Man könne heute nicht spielen, weil ... Nein, das sage er jetzt nicht, das mache er nicht, das sei unter seiner Würde.

Und da ertönt von oben eine Stimme, erhöhnt eher, als dass sie ertönte. Sie gehört Sebastian Müller-Stahl, jenem Schauspieler, der an diesem Abend als einziger ausschließlich die Rolle spielt, die ihm die Theaterleute zugewiesen haben, einen geschniegelten Politiker mit Anzug, Brille und Bürokratenmäppchen, den »Mann vom Land«, die zur Stückvorlage hinzuerfundene Figur Mr. Hopeman: »Mein Name ist Programm; die Hoffnung stirb zuletzt - also ich.« Ob er das Geld dabei habe, will Peachum/Fiedler wissen. Nein, aber er komme direkt vom Ministerpräsidenten - Fiedler: ohhh, ein Himmelsbote - und was er dabei habe, sei der Kabinettsbeschluss über die kurzfristige Reduzierung der langfristigen Überweisung.

In diesem Mr. Hopeman haben der Dramaturg Andreas Hillger und der regieführende Generalintendant André Bücker alles gebündelt, was ihnen seit Jahren von der sogenannten Kulturpolitik um die Ohren gehauen wird, und es in einem Akt der revolutionären Verzweiflung in eine Karikatur gekippt, die sich sehen lassen kann, obgleich sie hier alles andere als gern gesehen ist. Dass sich die Wut der Truppe vor allem gegen den Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (»Reiner Wahnsinn!«) und Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) richtet, wird gar nicht erst verhohlen: »Rote Null« sei Hopemans Spitzname in Kabinettskreisen, ein Indianer aus dem Stamm der »Bullerhasen«, dessen letztes Fünkchen Leben schon in der »Schlacht von Nebra« erloschen sei.

Um Kunst machen zu können, sagt Dramaturg Hillger vor der Premiere, müssen wir diesen »Störenfried« erst mal von der Bühne bekommen. Von selber aber geht er nicht, behindert stattdessen jeden Versuch des Ensembles, seiner Arbeit nachzugehen. Hopeman spielt Schauspielerinnen gegeneinander aus, wittert allerorten Verschwendung, Müßiggang, nimmt dem Dirigenten (Daniel Carlberg) den Taktstock weg, um - Ermittlung von Einsparpotenzialen! - die Musiker im Orchestergraben zu zählen, die, derart fehlgeleitet, sofort in ohrenbetäubendes Katzengejammer verfallen.

Was sie denn überhaupt noch spielen sollten, wenn es ihnen derart an den Kragen ginge, will Fiedler wissen. Skat, schlägt Hopeman vor, dazu braucht man bloß drei Mann.

Gespielt, zum Glück, wird doch noch: »Bettlers Oper soll beginnen, wenn wir sind zu arm zum Sparen«. Weil, so heißt es, das Geld für den Bühnenumbau fehlte, gehen Peachum und Lockit, Polly und Lucy, Huren und Vagabunden ihren Geschäften in einer Plattenbau-Kulisse nach, die von der letzten Stadtrevue übrig geblieben sei, einschließlich Billig-Bierkästen, Spielautomat und Hinterhofgrill, an dem sich ein Typ im obligatorischen Trainingsanzug zu schaffen macht. Nicht zu vergessen: das einzige Spielplatzutensil in dieser »Schrumpfmetropole«: eine Reifenschaukel. An der wird Hopeman am Schluss des ersten Teils enden wie an einem Galgen. Erst zwängt das Volk ihn in die Lederklamotten des Oberganoven Macheath - der im Originalstück nur deshalb nicht gehängt wird, weil ein reitender Bote das in letzter Sekunde verhindert - aus Rücksicht vor dem Publikum. Als solch ein Bote hätte Hopeman ja in Dessau in Erscheinung treten können. Da er das nicht tut, wird der rettende Reiter gestrichen - und die Kulturpolitik ans Schafott ausgeliefert.

Einen Moment lang denkt man wirklich, sie würden ihn hängen. Aber dann knebeln sie ihn »nur«, fesseln ihn mit dicht an den Körper gepresster Frischhaltefolie an die Schaukel, verurteilen ihn so dazu, stummer (!) Zeuge von Teil zwei zu werden.

Und in diesem Teil nun, der Inszenierung von Gay/Pepuschs seinerzeit sofort zensierter Nachfolge-Oper »Polly«, zeigt das Ensemble endlich, was es drauf hat, wenn man es lässt. Gefeiert wird ein farbenfrohes, bis zum Überborden spielfreudiges Fest der Gaukler in einer fantasiestrotzenden Neue-Welt-Kulisse aus Wild-West-Bordell, Prärie und hoher See mit Heerscharen von Huren, Piraten, Indianern und Siedlern. Das Theater fährt alles auf, was es hat; das größte Spektakel seit drei Jahrzehnten. Tolle Schauspieler, deren jeder einzelne Name hier die Nennung verdient hätte, was nur aus Platzgründen und unter Verweis auf die komplette Personalliste des Theaters unterbleibt; das in Teil eins bereits in Zivil und unter Flüchen aus dem Saal gejagte Ballett in wahnwitzig weltentrückten Kostümen; ja selbst der Souffleur und die urwüchsige Kantinenfrau. Ein spielwütiger Ausweis dessen, was Theater sein kann, ist das. Ein sprachwitzgespicktes, potpourrimusikalisches, tragikomisches, hochprofessionelles Sprengwerk. Ein existenzieller Klamauk! Mit einem Schlusschor, der inbrünstig singt: »Es ist genug für alle da, ihr müsst es euch nur packen!« Mit einem Abspann auf dem Übertitelmonitor, der jeden nennt, der zu diesem Gelingen beigetragen hat - unter der Überschrift »Artists in Resistance« - Künstler im Widerstand. Standing Ovations. Minutenlang.

Und Hopeman? Muss dieser Leistungsschau eines selbstverwalteten (allerdings nicht selbst zu finanzierenden) Kulturbetriebs tatenlos zusehen. Woher soll er das Geld denn nehmen, wenn nicht stehlen? Oh, da weiß die Truppe Rat: der Ausbau der A 14, eine U-Bahn für Magdeburg, steigende Bezüge für eine Verwaltung, die nichts mehr zu verwalten hat - gäbe es da nicht »Einsparpotenziale«? Kultur in einer Region am Leben zu halten, aus der es viele wegzieht und in der nur noch bleibt, »wer nicht mehr gehen kann« - das ist eine Aufgabe, die man nicht abwehren darf, der man sich hingeben muss mit Geist und Geld. Dass es sich lohnen würde, beweist dieser Abend! Und andernfalls? Das Theater ist nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt. Eine der wenigen »Sehenswürdigkeiten« zwischen da nach dort ist ein Schild, das den Weg zum »Historischen Arbeitsamt« weist.

Weitere Vorstellungen (hoffentlich): 2. und 15.3., 11.4., 3. und 18.5., 6.6.

Joachim Lange, Die Deutsche Bühne, 24.02.2014

John Gay, Johann Christoph Pepusch: The Beggar’s Opera/Polly
Premiere: 22.02.2014 Anhaltisches Theater Dessau
Regie: André Bücker
Musikalische Leitung: Daniel Carlberg

Auf dem Theater-Kriegspfad im Lande der Bullerhasen

„The Beggar’s Opera“ von John Gay und Johann Christoph Pepusch aus dem Jahre 1728 passt allein schon deshalb ins Programm des Kurt-Weill-Festes, weil sie genau 200 Jahre später für Kurt Weill und Bertolt Brecht die Vorlage für ihre „Dreigroschenoper“ lieferte. Womit die beiden einen noch größeren Erfolg hatten als ihre Vorgänger. Dass Gay dem Londoner Lokalmatador in Sachen Oper Georg Friedrich Händel damit gewaltig vors Schienbein trat, liegt so lange zurück, dass man es heute großzügig ignorieren und sich voll auf die aktuelle Sprengkraft dieser kleinen Opernrevolte von anno dazumal konzentrieren kann.

Da das Motto des 22. Festivals zu Ehren des 1900 in Dessau geborenen Komponisten „Aufbruch. Weill & die Medien“ lautet, kann man (aus zwei dafür reservierten Logen) sogar live twittern. Sollte jemand von der schwarz-roten Magdeburger Landesregierung im Saale gewesen sein, dann hätte der alle Hände voll zu tun. Hätte diese Regierung nämlich Humor, dann könnten ihre Emissäre, wenn schon nicht über ihre Entscheidungen, so wenigstens über eine Honorierung der von höchster Stelle beigesteuerten Zitate zum flott aufgemöbelten Text nachdenken. Sie hat aber keinen. Und in Dessau und auch sonst im Kulturland Sachsen-Anhalt ist, wenn überhaupt, nur noch Galgenhumor angesagt. Eine Bettler-Oper passt in diesen Tage viel besser nach Dessau, als man sich das je hätte träumen lassen.

Heutzutage müssen sich Schauspieler nicht nur die beliebte (aber nicht ganz ernst gemeinte) Frage gefallen lassen, was sie eigentlich am Vormittag machen, sondern auch die todernst Gemeinte, wozu sie überhaupt nötig sind. Wie man aus der zweihundert Jahre alten Vorlage über den Bettlerkönig Peachum und sein Gewerbe, die Tochter Polly (Jenny Langner) und ihren Macheath (Mario Klischies), dessen Auslieferung an die Justiz zwecks Gelderwerb und seine Errettung durch den reitenden Boten des Königs einen Welterfolg mit moralischen Erkenntnisnährwert machen kann, das haben Brecht und Weill exemplarisch vorgeführt.

Wie man daraus ein höchst aktuelles heute-show-Theater machen kann, das ist jetzt in Dessau zu erleben. Irgendwo zwischen barockem Ausgrabungscharme und Musical-und-Song-Schmiss (mit passgenauen musikalischen „Anreicherungen“ von Christoph Reuter und Cristin Claas), aktueller Überlebenskampf-Satire und überdrehtem Bühnenblödsinn gibt’s also die aufgemöbelte Balladenoper „durch die ehrbare Schauspieltruppe des Anhaltischen Theaters zu Dessau“. Und nach der Pause die ausgebuddelte, (seinerzeit durch Verbot geadelte) Fortsetzung „Polly“ als Ausflug des Stück-Personals in die Neue Welt. Zugegeben, im zweiten Teil hat der Comedy-Theaterkriegspfad auf dem der zu Morano mutierte Macheath und die Inkognito-Polly in Männerklamotten wandeln, mit den Rothäuten kämpfen, um am Ende die Happyend-Pfeife zu rauchen, ein paar Präriepappfelsen zu viel zu umgehen. Lässt man sich aber drauf ein, dann springt der Funke über und die Balance zwischen ernstem Leben und heiterer Kunst geht in Ordnung. Zumal in diesem Fall der Regisseur André Bücker vom so furchtlosen wie fantasiereichen Intendanten eines Hauses am Abgrund beflügelt wird und seine Schauspielertruppe fantastisch mitzieht. Komödiantisches Tempo kommt zum virtuosen Wechsel zwischen adaptierten barocken Musiknummern, ausgestelltem Volks- und Moritatentheater und dem Aus-der-Rolle-ins-Leben-fallen. Wobei niemand die Wut der Verzweiflung, wie sie eben herrscht, wenn die Magdeburger Turmuhr Zwölfe schlägt, unterdrückt. Das wirkt alles ziemlich authentisch. Auch der Wechsel zwischen der runtergekommenen Plattenkulisse und dem Wildwestcharme, den Jan Siegert als Bühne beisteuert und die den Fundus ausschöpfenden Kostüme von Suse Tobisch ihren Teil beitragen. Wenn die Balletttruppe von Tomasz Kajdanski dann mit zynischer Freundlichkeit von der Bühne und aus dem Theater komplementiert und jeder aus der internationalen Truppe ein Goodbye in seiner Muttersprache hinterhergeschickt bekommt, dann bleibt jedem im Saal das Lachen im Halse stecken.

Alles fängt links und rechts neben dem Laufsteg über dem Orchestergraben, wo sich unter Leitung eines Daniel Carlberg im roten Glitzer-Jackett Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie und der Band „L’Arc Six“ versammelt haben, ziemlich nobel barock klingend an. Dann tritt Gerald Fiedler als Peachum vor den Vorhang. Und fällt im Handumdrehen aus der Rolle des Bettlerkönigs in die des Schauspielers und Zeitgenossen, der es satt hat, zu betteln. Als er die verbale Kavallerie Richtung Magdeburg losschickt, dauert es nicht lange, bis einer vom Rang aus dazwischen geht. Mit jener ökonomisch getarnten Obrigkeitsattitüde, die mittlerweile der herrschende kulturpolitische Kammerton im Lande ist. Hopman heißt Sebastian Müller-Stahl im Stück übers Stück. Seine Texte kennt man aus diversen ministeriellen Mündern oder Beraterfedern. Der Name ein Euphemismus. Der Mann gefangen in den engen Grenzen buchalterischer Denkkurzschlüsse. Der angespitzen Autorenfeder von Andreas Hillger (und Bücker) merkt man an, dass sie im Auge des Orkans arbeiten, wissen, wovon sie reden (lassen). Für sich genommen ist dieser Text so eine Art Essay zur Lage in einem Land, in dem kulturpolitische Ignoranz und Phantasielosigkeit großkoalitionär in Stein gemeißelt sind. Doch es kippt nicht in die Betroffenheitsrethorik, denn es funktioniert auch als flotte Vorlage für handgemachtes Theater.

Es geht schon sehr deutlich zu, wenn Peachum, Polly, Macheath und all die anderen gegen den zusammengefassten Quark des Mr. Hopmann, respektive die Dessauer Schauspieler gegen das Magdeburger Kulturinfarkt-Kauderwelsch vom Leder ziehen. Aber wann und wo, wenn nicht jetzt und hier in Dessau sollten sie das tun? Verboten wird ja gottlob nix. Nur halt nicht mehr mitfinanziert. Wie singt der Schlusschor? Alles nur Theater! Vorhang zu und die Fragen offen! Der Beifall des Publikums hat in Dessau seit einiger Zeit immer etwas von einer Solidaritätsbekundung….

Helmut Rohm, Volksstimme, 24.02.2014

Gefeierte Premiere zum Kurt-Weill-Fest für "The Beggar´s Opera/Polly" am Anhaltischen Theater

Satirisches Spiel um den Frust am Theater

Mit Ovationen gefeiert wurde am Sonnabendabend die ausverkaufte Premiere von "The Beggar`s Opera/Polly" am Anhaltischen Theater Dessau. Wie schon in den Originalen praktiziert, greift Regisseur André Bücker in seiner Fassung Aktuelles kritisch auf.

"Wir wollten gar nicht betteln, sondern spielen. Doch braucht der Mensch auch Brot, nicht nur Applaus... Mit uns ist Kunst zu machen, mit Euch kein Staat", heißt es in dem während der Protestaktionen der vergangenen Monate zur Hymne gewordenen Lied "Wenige von vielen" gegen die kulturellen Kürzungspläne der Landesregierung.

Betroffen ist davon das Anhaltische Theater Dessau. Hier bekommt die Inszenierung der 1728 uraufgeführten "The Beggar`s Opera" von John Gay und Christoph Pepusch zusammen mit der damals zunächst verbotenen Fortsetzung "Polly" als Beitrag zum Kurt-Weill-Fest eine besondere Brisanz.

Regisseur André Bücker erzählt die Originale, aus denen auch das Lied stammt, jedoch in einer ganz speziellen Dessauer Fassung. Ungemein zeitkritisch und höchst aktuell, dabei aber auch persiflierend, satirisch und parodistisch - ebenso wie damals gesellschaftliche Zustände entlarvend und schonungslos anklagend.

Das Dessauer Schauspielensemble möchte "The Beggar`s Opera" aufführen, die die Story vom Bettlerkönig Peachum und dessen Tochter Polly erzählt. Sie hat den Wegelagerer Macheath aus dem Gefängnis befreit und gar, gegen den Willen der Eltern, heimlich geheiratet. Spannende Geschehnisse mit Liebe und Eifersucht, Verrat und Verbrechen, Verwicklungen und Überraschungen sind zu erwarten.

Viele Passagen basieren auf Originalaussagen Sie kommen auch - doch irgendwie anders, als vom Stück her vermutet. Der Zuschauer gewöhnt sich schnell an das vom Inszenierungsteam um Regisseur André Bücker praktizierte Darstellungsprinzip: Wechsel zwischen Dessauer Theater- und Stadt-Realität sowie Theaterspiel auf der Bühne und auch deren Verschmelzung. Alles spielt sich vor einer Plattenbau-Fassade ab.

Es wird sowohl mit Klarnamen der Schauspieler als auch alternierend mit denen der Rollenfiguren agiert. Klare Ansagen auch bei der Benennung der angstmachenden Zustände. Für den Theater-Gegenpart haben die Dessauer die Figur Mr. Hopeman "erfunden". In ihm spiegeln sich konkrete Personen, deren Ansichten und "Argumente". Es ist beklemmend, wenn Hopeman, der "Mann vom Lande" für "das Grobe", seine von Zynismus geprägten Vorschläge ausposaunt, wie "tagsüber betteln gehen und abends ein bisschen Theater spielen", oder hochnäsig "mehr Effizienz und Kreativität" einfordert. Viele Passagen basieren auf Originalaussagen Verantwortlicher bei Land und Kommune.

In "Polly" nach der Pause bieten die Dessauer Theatermacher dem Publikum einen farbenfrohen Kostümrausch, "schiffbrüchige Mädchen", Piraten und Indianer und personenreiche Aktionen...

Der vierstündige Theaterabend lebt vom Zusammenwirken vieler derzeitiger Dessauer Theaterbereiche. Da ist es schon sehr bedrückend, wenn das bis dahin toll mitwirkende Ballett durch den Seitengang "entsorgt" wird.

Mit bewundernswertem Einsatz präsentiert das ebenfalls zur Abwicklung vorgesehene Schauspielensemble seine künstlerische Qualität in bester Verschmelzung von prallem Spiel und gekonntem Gesang. In "Polly" wandern die Schauspieler in eine neue Welt aus...

Im stimmigen Outfit dirigiert Daniel Carlberg ein Barockorchester der Anhaltischen Philharmonie und die Band "l´arc six". Christoph Reuter und Cristin Claas komponierten moderne Musik im reizvollen Kontrast zu Pepusch.

Stefan Petraschwesky, MDR Figaro, 24.02.2014

AUDIO

Joachim Lange, Mitteldeutsche Zeitung, 24.02.2014

Kurt Weill Fest - Rebellion auf der Bühne: die Inszenierung der "Beggar`s Opera" ist ein bunt-schriller Kommentar zur Sparpolitik in der Kultur Sachsen-Anhalts

Die Wut der Verzweiflung

"The Beggar's Opera" von John Gay und Johann Christoph Pepusch aus dem Jahre 1728 passt allein schon deshalb ins Programm des Kurt-Weill-Festes, weil sie genau 200 Jahre später für Kurt Weill und Bertolt Brecht die Vorlage für ihre "Dreigroschenoper" lieferte. Womit die beiden einen noch größeren Erfolg hatten als ihre Vorgänger. Eine Bettler-Oper passt in diesen Tage viel besser nach Dessau, als man sich das je hätte träumen lassen. Heutzutage müssen sich Schauspieler nicht nur die beliebte (aber nicht ganz ernst gemeinte) Frage gefallen lassen, was sie eigentlich am Vormittag machen, sondern auch die todernst Gemeinte, wozu sie überhaupt nötig sind. Wie man aus der zweihundert Jahre alten Vorlage über den Bettlerkönig Peachum und sein Gewerbe, die Tochter Polly (Jenny Langner) und ihren Macheath (Mario Klischies), dessen Auslieferung an die Justiz zwecks Gelderwerb und seine Errettung durch den reitenden Boten des Königs einen Welterfolg mit moralischen Erkenntnisnährwert machen kann, das haben Brecht und Weill vorgeführt.

Wie man daraus ein höchst aktuelles "heute-show"-Theater machen kann, das ist jetzt in Dessau zu erleben. Irgendwo zwischen barockem Ausgrabungscharme und Musical-und-Song-Schmiss (mit passgenauen musikalischen "Anreicherungen" von Christoph Reuter und Cristin Claas), aktueller Überlebenskampf-Satire und überdrehtem Bühnenblödsinn gibt's also die aufgemöbelte Balladenoper "durch die ehrbare Schauspieltruppe des Anhaltischen Theaters zu Dessau". Und nach der Pause die ausgebuddelte (seinerzeit durch Verbot geadelte) Fortsetzung "Polly" als Ausflug des Stück-Personals in die Neue Welt.

André Bücker, der ebenso furchtlose wie fantasiereiche Intendant eines Hauses am Abgrund, zeigt sich als Regisseur beflügelt und zieht seine Schauspielertruppe fantastisch mit. Komödiantisches Tempo kommt zum virtuosen Wechsel zwischen adaptierten barocken Musiknummern, ausgestelltem Volks- und Moritatentheater und dem Aus-der-Rolle-ins-Leben-fallen. Wobei niemand die Wut der Verzweiflung, wie sie eben herrscht, wenn die Magdeburger Turmuhr zwölfe schlägt, unterdrückt. Das wirkt alles ziemlich authentisch. Auch der Wechsel zwischen der runtergekommenen Plattenkulisse und dem Wildwestcharme, den Jan Siegert als Bühne beisteuert und die den Fundus ausschöpfenden Kostüme von Suse Tobisch ihren Teil beitragen.

Wenn die Balletttruppe von Tomasz Kajdanski dann mit zynischer Freundlichkeit von der Bühne und aus dem Theater komplementiert und jeder aus der internationalen Truppe ein "Good bye" in seiner Muttersprache hinterhergeschickt bekommt, dann bleibt den Zuschauern das Lachen im Halse stecken. Alles fängt links und rechts neben dem Laufsteg über dem Orchestergraben - wo sich unter Leitung eines Daniel Carlberg im roten Glitzer-Jackett Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie und der Band "L"Arc Six" versammelt haben - ziemlich nobel barock klingend an. Dann tritt Gerald Fiedler als Peachum vor den Vorhang - und fällt aus der Rolle des Bettlerkönigs in die des Schauspielers, der es satt hat, zu betteln.

Als er die verbale Kavallerie Richtung Magdeburg losschickt, dauert es nicht lange, bis einer dazwischen geht: Mr. Hopeman. Mit jener ökonomisch getarnten Obrigkeitsattitüde, die der herrschende kulturpolitische Kammerton im Lande ist. Mr. Hopeman heißt Sebastian Müller-Stahl im Stück übers Stück. Der Name - wohl in Anspielung auf den Magdeburger Kulturstaatssekretär Jan Hofmann - ist ein Euphemismus: Hoffnungsmann. Seine Texte kennt man aus Ministermündern: "Mit so etwas werden unsere sauer verdienten Steuern verschleudert", sagt Hopeman zur Arbeit der Künstler. Die wiederum nennen ihn die "rote Null" vom "Stamm der Bullerhasen" - eine Verballhornung des Namens von Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD).

Es geht schon sehr deutlich zu, wenn Peachum, Polly, Macheath und alle anderen gegen den Quark des Mr. Hopeman, respektive die Dessauer Schauspieler gegen das Magdeburger Kulturinfarkt-Kauderwelsch vom Leder ziehen. Aber wann und wo, wenn nicht jetzt und hier in Dessau sollten sie das tun? Verboten wird ja gottlob nix. Nur halt nicht mehr mitfinanziert. Der Beifall des Publikums hat in Dessau seit einiger Zeit immer etwas von einer Solidaritätsbekundung.

Dimo Rieß, Leipziger Volkszeitung, 24. Februar 2014

Kunst als Notwehr

Das Anhaltische Theater Dessau stülpt "The Beggar`s Opera" über die Magdeburger Kulturpolitik

Im Rahmen des Kurt-Weill-Fests zeigte das Anhaltische Theater Dessau am Samstagabend seine Version von John Gays „The Beggar's Opera“. Der 286 Jahre alte Stoff verwandelte sich auf der Bühne in einen unverhohlenen Protest gegen die Beschlüsse Sachsen-Anhalts, den Theatern des Landes die Zuschüsse deutlich zu kürzen.

Zwischen Kabarett und komischem Kostüm-Singspiel variiert die Dessauer Premiere der „Beggar's Opera" und deren Nachfolger „Polly". Schon im Original als satirische Werke angelegt, weshalb die damalige Obrigkeit in London „Polly“ noch vor der Uraufführung verbot. Zensur nun musste das Anhaltische Theater nicht befürchten. Die Landesregierung geht gründlicher vor, jüngste Beschlüsse sehen gleich die komplette Streichung von Schauspiel und Ballett des Vierspartenhauses vor. Und die bislang im Theater ausgestellte Chronologie des kreativen Protests verschwand im Sinne eines ungestörten Kurt-Weill-Fests, bei dessen Eröffnung sich am Freitag die Minister sonnten. Den Protest gegen das Kulturverständnis der Landesregierung, eine der größten Inszenierungen des Schauspiels mit über 60 Mitwirkenden und tragenden Musiken von Christoph Reuter und Cristin Claas, reicht dann die Premiere am Samstag nach. Kunst als Notwehr. Und dennoch überraschend leichtfüßig.

Vor seine „Beggar's Opera“, aus der sich Bertolt Brecht und Kurt Weill zwei Jahrhunderte später für ihre „Dreigroschenoper" bedienten, stellte John Gay einst einen Quasi-Prolog. Die Dessauer Version unter der Regie des Intendanten André Bücker schickt ihrerseits einen Schauspieler (Gerald Fiedler) vorab auf die Bühne, um sich einen beherzten Schlagabtausch mit einem Herrn im grauen Anzug aus dem Publikum zu liefern, die einzige dazuerfundene Hauptfigur. Hopeman ist unschwer als Vertreter der Magdeburger Landesregierung erkennbar, der die „kurzfristige Reduzierung der langfristigen Überweisungen" verkündet. Was man nach allen Einsparungen mit dem Restpersonal überhaupt noch spielen könne, fragt Fiedler. „Vielleicht Skat", sagt Hopeman (Sebastian Müller-Stahl als stocksteifer Bürokrat), „da braucht man nur drei". Wer geglaubt hat, die Politikerschelte erschöpfe sich im Prolog, liegt falsch. Der Vorhang hebt sich und das Theater verwandelt sich in musikalisches Kabarett in eigener Sache. Kunst gegen Politik, Schauspieler gegen die Landesregierung. Das Feindbild ist klar. Die Worte sind es auch. „Haseloff und Bullerjahn, kleiner Geist im Größenwahn“, singt Gerald Fiedler in der Rolle des Peachum, einer der herausragenden Akteure im insgesamt überzeugenden Ensemble.

Wobei Rollen, auf diesem Kunstgriff baut die erste Hälfte des rund dreieinhalbstündigen Abends auf, nur dazu da sind, abgestreift zu werden, um die aktuelle Situation zu diskutieren. Hopeman nämlich schlendert über die Bühne, mischt sich ein, torpediert das Spiel. Die Rahmenhandlung um den Verbrecher Macheath (Mario Klischies), der am Galgen baumeln soll und von seiner Frau Polly (Jenny Langner) und seiner Geliebten Lucy (Marie Ulbricht) gewarnt wird, erstarrt. Das Team um Bücker lässt das Publikum zusehen, wie Politik Theater verhindert.

Das verströmt in seiner Eindeutigkeit phasenweise den Geist einer Abiturientenaufführung, die mit den Lehrern abrechnet. Ist das Feindbild Konsens, fallen Pointen leicht. Und ja, mit den Mitteln des Theaters ließe sich subtiler arbeiten. Doch nach monatelangem kreativen Protest und tauben Ohren in Magdeburg, ist die künstlerische Reaktion nachvollziehbar. Und das Konzept in seiner Konsequenz durchaus schlüssig. Manchmal bietet die Wirklichkeit eben die beste Satire, verlangt nicht viel künstlerische Justierung. Wenn Hopeman Dirigent Daniel Carlberg verdrängt und die Musiker der Anhaltischen Philharmonie und der Band L`Arc Six im Orchestergraben in die Disharmonie treibt, stellt sich heraus: Er hat nur die Musiker gezählt, um Einsparpotenziale auszuloten. Wenn das Spiel eckig und ungelenk wird. versteckt sich dahinter die Anspielung auf die Sparte Puppenspiel - die immerhin soll im Haus erhalten bleiben. Entlassungen werden über Casting-Shows getroffen. Live-Video folgt Hopeman und Macheath ans Urinal: Hier wird anspielungsreich verhandelt, geschachert. Und was in den Texten von Dramaturg Andreas Hilger bisweilen plattitüdenhaft erscheint, stellt sich manchmal als Originalzitat der Landespolitiker heraus. Das alles findet statt vor einer Plattenbau-Kulisse (Bühne: Jan Steigert), die mehr ist, als nur das passende Ambiente für eine Oper der Bettler: Denn was bleibt, wenn das Theater geht, sind Satellitenschüsseln am Beton. Im obersten Stock, hinter halb zugezogener Gardine, strahlt ein Fernseher ins Nichts.

Die zweite Hälfte zeigt, was sein kann, wenn man Schauspieler spielen lässt: Die einst verbotene, dann verschollene Fortsetzung „Polly" geht als federleichte, spielfreudige komische Oper über die Bühne. Indianer treffen auf Piraten und weiße Siedler. List auf Ehrenwort und Polly mit der Klinge auf ihren Mann, der sich in Morano verwandelt hat. In der Wüste knallt ein (Pleite-)Geier gegen die Kulisse. Und Hopeman sitzt geknebelt daneben. Morano will am Ende anders als von der Originalhandlung vorgesehen doch nicht sterben - würde schließlich nur den Zielen der Politik in die Hände spielen. Und den Schlussrefrain („Alles nur Theater, Vorhang zu und alle Fragen offen") darf sogar Hopeman mitsingen. Ein großer Spaß. Rund zehn Minuten stehender Applaus. Aber wenig Hoffnung. Auch wenn in roter Schrift über der Bühne die Parole zu lesen ist; „Artists in Resistance" - Künstler im Widerstand.

Carla Hanus, Mitteldeutsche Zeitung, 24.02.2014

Politisches statt Politiktheater

Die Zuschauer im ausverkauften Theater haben sich von ihren Plätzen erhoben. Ihr Beifall hält an, zehn Minuten, zwölf, noch immer ertönen Bravo-Rufe, nur wenige Besucher haben den Rang da schon verlassen. Viele andere applaudieren weiter. 14 Minuten. Erst jetzt leeren sich die Reihen. - Das Publikum, es hat gezeigt, dass es dieses Schauspiel und dieses Ballett, dass es das Anhaltische Theater in seiner bisherigen Struktur auch weiterhin will. - Wie es das schon bei anderen Premieren und Vorstellungen in den vergangenen Wochen und Monaten auch getan hat. Ja, aber diesmal hat es diesen Wunsch besonders bekräftigt. In seiner Inszenierung "The Beggar's Opera/Polly" hat Generalintendant André Bücker die aktuelle Situation des Viersparten-Ensembles aufgegriffen, die durch die Mittelkürzungen des Landes entsteht und die die Zukunft von Schauspiel und Ballett in diesem Haus in Frage stellt. Da geht es um den fehlenden Theatervertrag ebenso wie um die Konzeptionslosigkeit der Landesregierung im Kulturbereich insgesamt, da wird gezeigt, welche Folgen die Kürzung der Landesförderung um drei Millionen Euro für die Darsteller hat, da werden Zitate vom Ministerpräsidenten und dem Kultusminister ebenso in den Text eingebaut wie von Landtagsabgeordneten, die so zynisch klingen, dass es der gallebittere Humor ist, der das Publikum trotzdem lachen lässt. Und immer wieder gibt es Zwischenapplaus, so für "Haseloff und Bullerjahn, kleiner Geist im Größenwahn". "Politisches Kabarett", sagt Grünen-Landtagsabgeordnete Conny Lüddemann in der Pause. Und Wulf Gallert, Vorsitzender der Fraktion Die Linke im Landtag von Sachsen-Anhalt, äußert sich später: "Es gibt es noch, das politische Theater." Was er wie die Grünen-Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke mit dem fast viertelstündigen Beifall am Premierenabend honorierte. Was aber nicht auf ungeteilte Zustimmung im Publikum stößt. Schon in der Pause wird heftig diskutiert, geht es um Fragen wie Darf "The beggar's opera" so aktualisiert werden? Sollte ein Stück so zur Selbstdarstellung des Theaters werden? Und ist das passend zum Auftakt des Kurt-Weill-Festes? Ja, das ist die einzige Möglichkeit, die noch bleibt, geben die einen Bücker und seinen Mitstreitern recht. Denn in einer solchen Breite mit dem Schauspielensemble ein Publikum zu erreichen, diese Chance bietet sich nun einmal mit einer Premiere während des Weill-Festes. Zumal, wenn der Termin ins Auftaktwochenende eingebettet ist. So gehört auch Eduard Prinz von Anhalt zu den Gästen, die stehend applaudieren. Und außerdem sei das Stück ja auch in seiner Entstehungszeit hochpolitisch gewesen. Die Aktualisierung sei zu spezifisch, entgegnen andere. Vor allem Gäste von außerhalb, die schon zum traditionellen Weill-Fest-Publikum gehören, hören die Anspielungen zwar, wissen diese aber nicht zu- beziehungsweise einzuordnen. Ihre Erwartungen waren andere. Nun sind sie enttäuscht. Die Grundidee kommt nicht an, das Spiel ebenfalls nicht. Tatsächlich bleiben nicht alle Besucher bis zum Ende der Vorstellung. Eine kleine Ahnung vermittelt allerdings schon das Festspiel-Magazin zum Weill-Festival. Unter anderem ist da zu lesen: "Und weil die Beggar's Opera schon in ihrer Urfassung auch als Satire auf das Theater und seine Situation gemeint war, wird es natürlich auch um die aktuelle Lage unseres Landes und unserer Stadt gehen." Wobei die fast tagesaktuellen Bezüge in den Texten der Schauspieler den Schluss zulassen, dass beim Druck dieser Broschüre an den Sätzen der Dessauer Bühnenfassung (Andreas Hillger) noch gefeilt wurde. Auch in der Weill-Gesellschaft, Intendant und Präsident besuchten an dem Abend andere Veranstaltungen, selbst gehen die Meinungen auseinander. Von "das verschreckt das Publikum" bis "genau das ist Weill" reicht das Spektrum. Der Dessauer Künstler Olaf Rammelt geht davon aus, dass "Beggar's Opera" ein "überregional wahrzunehmender Erfolg" wird. Er befürchtet jedoch, dass es schon zu spät sein könnte.

Petra Buch/dpa - www.ruhrnachrichten.de, 23.02.2014

«The Beggar's Opera»: Kritik an Theater-Sparpolitik

Rebellion auf der Bühne: Das Anhaltische Theater Dessau hat mit dem Stück «The Beggar's Opera (Des Bettlers Oper)/Polly» die Rotstiftpolitik in der Kultur angeprangert.

Das Haus mit rund 1000 Plätzen war am Samstag zur Premiere ausverkauft. «Reiner Wahnsinn» heißt es in der Inszenierung von Generalintendant André Bücker - zur Lage von Bühnen und Orchestern und wohl auch in Anspielung auf den Namen von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Das Stück wurde im Rahmen des 22. Kurt-Weill-Festes (bis 9. März) erstmals gezeigt.

In Sachsen-Anhalt gibt es seit Monaten Proteste von Theaterschaffenden gegen den Sparkurs des Landes. 2013 hatte das Land die Bühnen mit 36 Millionen Euro unterstützt, künftig sollen es rund 30 Millionen Euro im Jahr sein. Das Dessauer Theater gehört nach eigenen Angaben zu den ältesten in Deutschland, bundesweit bekannt ist es etwa wegen seiner Wagner-Tradition.

Anfangs zeichnet Bücker im Stück ein düsteres Bild von Sachsen-Anhalt, wo «Leute wegrennen» - oder im tristen Plattenbau im Jogginganzug leben. «Wir alle müssen sparen, da fangen wir bei ihnen gleich an. Die drei Millionen Euro weniger, das wird sie schon nicht umbringen», sagt Mr. Hopeman (Sebastian Müller-Stahl), als er auf die Bühne tritt. Der Mann im grauen Anzug wird von einer aufgebrachten Menge an Schauspielern und Tänzern um den Bettler (Gerald Fiedler) auch die «rote Null» - «vom Stamm der Bullerhasen» genannt. In Sachsen-Anhalt ist Jens Bullerjahn (SPD) Finanzminister.

Mr. Hopeman zeigt sich gnadenlos: «Mit so etwas werden unsere «sauer verdienten Steuern» verschleudert», sagt er zur Arbeit von Künstlern, oder: «Da könnt ihr demonstrieren wie ihr wollt, die Mauern des Landtages reißt ihr nicht ein».

Die 1728 in London uraufgeführte Balladenoper «Des Bettlers Oper» - von John Gay und Johann Christoph Pepusch - kritisierte die damaligen Verhältnisse und sorgte für Aufsehen. Das Nachfolgestück «Polly» wurde sogar verboten. «Als wir die «Beggar's Opera» auf den Spielplan setzten, konnten wir noch nicht ahnen, wie aktuell dieses Stück durch die Sparpläne des Landes bei den Theatern und Orchestern werden würde», sagte Bücker.

In der Inszenierung lässt «Ministerialdirigent» Mr. Hopeman Künstler via Casting-Show um einen Job zittern. «Schauspieler, Tänzer und Musiker zeigen, wie sie sich angesichts der verheerenden Kulturpolitik des Landes fühlen», sagte Bücker. Dramaturg Andreas Hillger sagte: «Uns war es wichtig, dass mit dem Stück alle zu Gehör kommen, denn es betrifft alle.» So spielen auch eine Kantinenfrau, ein Techniker und ein Souffleur mit.

Dem Publikum gefiel die dreistündige Inszenierung. Es gab aber auch kritische Stimmen in den Reihen des Theaters wie «zu viel Agitation und Propaganda» oder «alles etwas arg übertrieben».

Das 17-tägige Kurt-Weill-Fest mit 50 Veranstaltungen zu Ehren des in Dessau geborenen deutsch-amerikanischen Komponisten (Musik für Bertolt Brechts «Die Dreigroschenoper») war am Freitag eröffnet worden. Schirmherr ist Ministerpräsident Haseloff. 2013 besuchten das Festival in Dessau-Roßlau und Umgebung laut Veranstalter rund 16 000 Menschen.

Martin Hatzius, neues deutschland, 24.02.2014

Bettler auf der Bühne

Eklat in Dessau

Das Grußwort des Ministerpräsidenten zum am Freitag eröffneten Dessauer Weill-Fest strotzt vor Plattitüden: »Liebe Musikfreunde! Seit vielen Jahren steht das Kurt-Weill-Fest für musikalische Vielfalt und künstlerische Qualität. Seine internationale Ausstrahlung ist bemerkenswert.« Im Programmheft des Anhaltischen Theaters, das am Sonnabend mit seiner Bettleropern-Premiere für einen handfesten kulturpolitischen Eklat sorgte, sind ganz andere Zitate von Reiner Haseloff (CDU) zu finden: »Nochmal: Der Sparkurs ist kein Selbstzweck. Nach den Veränderungsnotwendigkeiten werden wir in allen Bereichen eine stabile Struktur bekommen, auf die sich die Leute freuen können.«

Die Leute freuen sich aber nicht. Denn der von der Landes-GroKo gebilligte Haushaltsentwurf für 2014 beinhaltet drastische Kürzungen an den Theatern in Dessau, Eisleben und Halle. Nach den Plänen des sachsen-anhaltischen Kultusministers Stephan Dogerloh (SPD) soll das Vier-Sparten-Haus in Dessau binnen zwei Jahren sein Schauspiel und sein Ballett einbüßen.

Was nun in der Regie von Generalintendant André Bücker unter dem Titel »The Beggar’s Opera/Polly« über die Bühne ging, war ein Affront. Seinen Kampfgeist hat das Ensemble nicht nur mit dem Vagabundenvolk aus der barocken Vorlage von John Gay und Christoph Pepusch gemein. Ausdrücklich nimmt diese Inszenierung, in der die Schauspieler immer wieder aus ihren Rollen treten, auch Bezug auf den Herbst 1989. Das Programmheft zitiert die damalige Resolution der Künstler des Staatsschauspiels Dresden: »Ein Volk, das zur Sprachlosigkeit gezwungen wurde, fängt an, gewalttätig zu werden.«

Die hohe Herzfrequenz des Abends steigert sich in Infarktnähe, als das wegzusparende Ballettensemble mit wütenden Gesten den Saal verlässt. Und noch einmal, als die Truppe ihr Statement »Wenige von Vielen« schmettert: »Noch singen wir die alten, frommen Lieder./ Noch halten wir uns an Gesetz und Recht./ Noch sind die Bettler Bürger, brav und bieder./ Doch bluten sie, wenn Ihr sie weiter stecht./ Wer hat Euch denn, Ihr Mächtigen da oben,/ Auf Euer stolzes, hohes Ross gesetzt?/ Es kommt der Tag, wo wir den Aufstand proben./ Noch lacht Ihr. Doch der Bettler lacht zuletzt.«

Eine hinzuerfundene Figur ist der geschniegelte Mr. Hopeman. In ihr werden Politiker wie Haseloff und Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) nicht nur aufs Korn genommen, sondern mit Wortmistgabeln aufgespießt: »Haseloff und Bullerjahn - kleiner Geist im Größenwahn.« Das Landeswappen, dessen Verwendung mit dem Slogan »Wir sparen uns früher dumm« Bücker kürzlich die Androhung einer Geldstrafe einbrachte, ist auch wieder mit von der Partie, diesmal flankiert vom Spruch »Wir fallen früher um.«

Das Fest steht unter dem Motto »Weill und die Medien«. Im ausverkauften Theater sah das so aus, dass zwei Logen für Twitterer reserviert waren, die ihre aufgewühlten Kommentare live hinaus in die Welt posaunten. Ist da jemand, der den Hilferuf erhört? Stehende Ovationen, jedenfalls, gab es im Saal.

Matthias Schmidt, nachtkritik.de, 23.02.2014

The Beggar's Opera / Polly – in der Regie des Intendanten André Bücker probt das Theater in Dessau den Aufstand

Artists in Resistance

Dessau, 22. Februar 2014. Irgendwann ist das Maß einfach voll, dann reicht's, dann platzt jemandem der Kragen. In Dessau ist es Kantinenwirtin Karin. Als ein Vertreter der Landesregierung aus Magdeburg durch Karins Beritt schreitet, nach Sparpotential suchend und unermüdlich von einem kranken System faselnd, in das er nicht mehr investieren wolle, weshalb er leider in Dessau Ballett und Schauspiel schließen müsse, bellt sie ihn an: "Hier habe ich das Sagen, und wenn Sie nicht sofort meine Schauspieler in Ruhe lassen, dann hole ich Sie hier in die Küche, da können Sie mal Kartoffeln schälen!"

Der vorgeführte Politiker ist ein Mr. Hopeman, eine der "Bettleroper" hinzugefügte Kunstfigur, die gleichzeitig eine echte ist. Nicht nur gleicht er einem Magdeburger Kulturpolitiker wie ein Ei dem anderen, auch viele seiner Statements sind echte Politikerzitate.

Warum dies keine normale Kritik ist

Die Inszenierung, zu der Karins Wutausbruch gehört, ist eine wahrlich ungewöhnliche. Das Anhaltische Theater gibt John Gays "Bettleroper" und macht von der ersten Szene an deutlich, dass es hier um alles geht. Dessau soll Schauspiel und Ballett verlieren, um jährlich 3 Millionen Euro einzusparen. Ein Konzept hinter dem Beschluss sucht man vergeblich. Das ist noch nicht fertig. Mit großem Stolz kündigt der Kultusminister für nächste Woche erste Ideen für ein Landeskulturkonzept 2025 an. Eine Absurdität angesichts der Tatsache, dass jetzt vollendete Tatsachen geschaffen werden. Sachsen-Anhalts Theaterlandschaft steht vor den schwersten Eingriffen seit der Wiedervereinigung.

Der Grund aber, warum hier nicht einfach eine normale Kritik zur "Bettleroper" steht, ist ein anderer. Es ist derselbe, aus dem die Dessauer, statt die "Bettleroper" zu spielen, sich selbst spielen. Sie treten aus ihren Rollen und aus dem Stück heraus, weil sie keine andere Wahl mehr haben und vielleicht auch nichts mehr zu verlieren.

Ungestörte Reden

Am Vortag der Premiere, der Festakt zur Eröffnung des Kurt-Weill-Festes stand bevor, entfernte das Dessauer Ordnungsamt in der Stadt hängende Protestplakate gegen die Spartenschließungen, und im Theater tauchten zwei Boten auf, die dasselbe mit Nachdruck für das Theater verlangten. Am Abend hielten Ministerpräsident Haseloff und sein Kultusminister Dorgerloh also ungestört von den Folgen ihrer Politik ihre Reden. Was die Herren nicht erwähnten, waren die Schließungen, die sie für Dessau – gegen den Willen der anderen Gesellschafter des Theaters – anzuordnen versuchen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Magdeburger Machthaber mit langem Arm eingegriffen haben. Als vor einiger Zeit Aufkleber mit der Landesflagge und dem abgewandelten Landesslogan "Wir sparen uns früher dumm" kursierten, ließen sie rechtliche Konsequenzen androhen, wegen unerlaubter Verwendung hoheitlicher Symbole.

Alles nur Theater?

Sie verstehen keinen Spaß. Und keine Satire. Sie bewegen sich beängstigend selbstherrlich auf vordemokratisches Verhalten zu. Es gibt nicht wenige im Lande, die das – sagen wir – sehr befremdlich finden, und der Autor dieses Textes zählt sich zu ihnen.

Es ist kein Wunder, dass die Theatermacher die Bühne als den letzten Raum empfinden, in dem sie frei sind. "Artists in Resistance" steht am Ende des Abends auf der Laufschrifttafel für die Übertitel. Und genau deshalb steht hier nicht mehr darüber, ob beispielsweise Polly besser als Lucy gesungen hat und Peachum besser als Macheath. Oder dass mit der Inszenierung klarer geworden ist, warum "Polly", die Fortsetzung von John Gays "Bettleroper", eben nicht genau so berühmt wurde wie die "Dreigroschenoper"-Vorlage. Man kann nur sagen, dass die ersten Zuschauerreaktionen darauf, dass sich aus ihrer Mitte einer erhob, der wie ein Politiker aussah und darauf, dass er die sehr persönliche Ansprache des Schauspielers Gerald Fiedler (Peachum) unterbrach, dergestalt waren, dass ein echter Staatssekretär es besser nicht getan hätte. Alles nur Theater? – In Dessau ist momentan nichts "nur Theater".

Großartig und hilflos

Der Versuch von Regisseur André Bücker und Dramaturg Andreas Hillger, die "Bettleroper" mit Gegenwart aufzuladen, mit ihr selbst Kulturpolitik zu werden, er mündet in eine Form politischen Theaters, die zugleich großartig, unheimlich und etwas hilflos wirkt. Man hört Zeilen wie "Haseloff, Bullerjahn, kleiner Geist im Größenwahn" mit derselben Wirkung wie vor 30 Jahren Witze über die DDR-Führung. Das Lachen befreit, ändert nichts, ist dafür aber auf fatale Weise an den heute an sich albernen Gedanken gekoppelt, wie mutig das sei.

Niemand wird ihnen vorwerfen können, sie hätten nichts gesagt und getan. Der Beifall war frenetisch.

Kommentar:Steffen Brachert ist gespannt, wie das Experiment einer Twitter-Loge im Theater funktioniert, Mitteldeutsche Zeitung, 18.12.2013

KOMMENTAR STEFFEN BRACHERT ist gespannt, wie das Experiment einer Twitter-Loge im Theater funktioniert.

Theater 1.0 gegen Web 2.0 Im Kino und Theater gehören die Ansagen zum festen Programm: "Bitte, die Handys ausmachen." Viele machen das gern: Kino und Theater gehören zu den immer rarer werdenden Rückzugsgebieten, wo alle Aufmerksamkeit dem gehört, was auf Leinwand und Bühne passiert. Zu recht.

Das Anhaltische Theater geht nun einen anderen Weg. "Kurt Weill und die Medien" ist das 2014er Kurt-Weill-Fest überschrieben. Längst gehören Facebook, Twitter, Instagram und Tumblr dazu. Sie verstehen gerade Bahnhof? Nicht schlimm. Interessant sind diese neuen, schier unerschöpflichen Informationswege aber schon.

Ist es deshalb konsequent oder nur daneben, wenn das Theater nun eine Twitter-Loge öffnet? Zur Beruhigung: Der normale Besucher wird nicht viel mitbekommen. Statt: "Bitte, die Handys ausschalten!" wird es vielleicht heißen "Bitte, die Handys auf lautlos stellen!". Und wenn am Ende die Twitterer kaum twittern, muss das kein schlechtes Zeichen sein. Dann sind sie vielleicht so fasziniert, dass sie das Tippen auf dem Handy vergessen. Dann hat das Theater 1.0 das Web 2.0 besiegt. Es wäre ein schöner Sieg.

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